Westerholz : Kunstobjekte zum „Anpieksen“

Es erinnert an ein Kuriositätenkabinett, wenn den Raum betritt, indem Gudrun Adrion ihre Objekte zwischenlagert.
Es erinnert an ein Kuriositätenkabinett, wenn den Raum betritt, indem Gudrun Adrion ihre Objekte zwischenlagert.

Angeliter Künstlerin verpackt ihre Gesellschaftskritik in opulente Werke. Die Ausstellung in Augustenborg noch bis zum 18. März.

Jonna frei.jpg von
14. Februar 2018, 14:57 Uhr

„Mit der Kirche habe ich auch noch ein Hühnchen zu rupfen“, sagt Gudrun Adrion, Künstlerin aus Westerholz. Dabei hat sie das in der Vergangenheit durchaus schon gemacht, vorwiegend die Katholische Kirche bekommt ihr Fett weg, denn Adrion ist da persönlich betroffen: „Ich bin katholisch aufgewachsen und war mit vielem nicht einverstanden.“ Mit 25 sei sie dann aus der Kirche ausgetreten, berichtet die 74-Jährige, die momentan eine Ausstellung in Rom plant und aktuell noch bis zum 18. März in Augustenborg ihre Kunst ausstellt. Mit ihren Werken kritisiert sie jedoch nicht allein die Kirche, sondern alles, was ihr auf der Seele brennt, immer mit einem kritischen Blick auf die Gesellschaft, nicht von oben herab, sondern als Betroffene, wie sie versichert. Dabei kreist ihr künstlerische Anliegen nicht selten um Gleichberechtigung und die Wahrung der Würde von Frauen.

Begonnen hat das Ganze 2005, da lernte Adrion die Enkaustik-Malerei kennen, eine Technik, bei der mit flüssigem Wachs gemalt wird.

Künstlerisch interessiert war sie schon immer, hatte als Schülerin Kunstunterricht bei Siegbert Amler, Maler und Bildhauer aus Glücksburg, lernte bei ihm das Bronzegießen und 2008 das Meißeln. Doch irgendetwas fehlte. Im wahrsten Sinne des Wortes musste die 1944 in Breslau geborene Künstlerin ihre Kritik anbringen. „Ich begann damit Assemblagen, Collagen aus plastischen Objekten, anzufertigen. So kann ich mich am besten ausdrücken“. Die Objekte fertigt Adrion aus einem eigens angesammelten Fundus an Kuriositäten an, häufig bestehen diese aus mehreren Teilen. Das Gesamtkunstwerk bekommt immer einen Namen, der die Kritik der Künstlerin unterstreicht. Auf diese Weise entstand aus einer bunten Holzente, die Adrion einst geschenkt bekam, das Werk „der Elster, oder vom Ende der Bescheidenheit“, das an den ehemaligen Bischof aus Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, erinnern soll, der seinerzeit mit seiner sündhaft teuren Residenz für Aufsehen sorgte. Sehr Medienwirksam war die 4000 Euro teure, freistehende Designerbadewanne. Die Ente, die Adrion mit Schwarzer Robe und Rosenkranz gestaltet, zieht eine goldene Badewanne mit einem Kreuz darin hinter sich her. Es dürfe gern gelacht werden, aber die Ernsthaftigkeit, die sich dahinter verbirgt, solle dabei nicht übersehen werden. „Ich möchte die Leute schon anpieksen“, so Adrion. Dass sie damit Erfolg hat, merke sie unter anderem an den spannenden Diskussionen, die sie während der Ausstellungen führe.

Jüngst baute sie ein Objekt auf der 22. Art in Innsbruck auf: eine Mannschaft Schwarz, Rot, Gold bemalter Gartenzwerge – 44 an der Zahl – ein großer Anführer mit Bodyguard, der Rest stellt das Gefolge dar. Der Titel: „Sapere Aude“. Das lateinische Sprichwort, was durch die Interpretation Kants zum Leitspruch der Aufklärung wurde: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, wird in diesem Zusammenhang ziemlich deutlich. Und auch bei den Österreichern, die gerade einen Rechtsruck in ihrem Land erleben, sei das sehr gut angekommen: „Ein Ehepaar steuerte direkt auf mich zu und hat die Botschaft gleich verstanden.“ Man hätte die Zwerge ruhig in den Farben Österreichs malen können, sagte das Paar. Die Idee mit den Zwergen kam Adrion, als es die Pegida-Demonstrationen begannen: „Das hat mich so wütend gemacht, da musste ich mir das gleich von der Seele bauen.“

Adrion kommt viel herum. So stellte sie bereits in London, New York, Toulouse und Mexico City aus. Reisen, von denen sie immer voll neuer Inspiration zurückkehrt. „Ich muss raus, mir Ausstellungen anschauen, mit Menschen sprechen, da kommt so viel in Gang.“

Inspiration holt die 74-Jährige sich aber auch auf ihren Streifzügen über Trödelmärkte, Flohmärkte und durch Antiquitätenläden, hier sucht sie sich ihren Fundus zusammen, aus dem immer wieder neue Objekte entstehen. So auch eines ihrer neueren Werke mit dem Titel „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“. „In einem Antiquitätenladen fand ich diesen alten Rollstuhl und ich dachte mir gleich: Kirche.“ Die Kirche sei krank, schon sehr lang und das symbolisiert die Künstlerin, indem sie eine selbstgestaltete, verbeulte Kirche auf einem Rollstuhl installiert.

Wer sich ein Bild von Adrions Assemblagen machen möchte, kann die Ausstellung „Crossing Boarders“ von Bertil Sjöberg und Gudrun Adrion im „Augustiana“ im dänischen Augustenborg, Palaevej 12, noch bis zum 18. März besuchen. >

www.gudrun-adrion.de

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