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Flensburger Tageblatt

21. August 2017 | 20:07 Uhr

Ausstellung : Kunst gegen Vergessen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Timeslips: Der Museumsberg startet ein außergewöhnliches Projekt mit demenzkranken Menschen. Die Bilder aktivieren verborgene Ressourcen.

Flensburg | Heute ist die Liebe dran. Harald Duwes Quartett des Lebens, das den Bogen spannt von Verlieben, Heirat, und Ehe bis in die Einsamkeit des letzten Zimmers, ins Altenheim, den Tod vor Augen. Auf dem Museumsberg, im zweiten Stock des Christiansen-Hauses, sitzen zehn ältere und alte Menschen nebst Begleitern vor dem vierteiligen Werk des Hamburger Malers, und es geht lustig zu. Duwes Hauptwerk „Liebe – eine ganz alltägliche Geschichte“ ist an diesem Nachmittag Auslöser für das Entstehen kreativer Kräfte bei demenzkranken Menschen. Einmal im Monat ist der Museumsberg Schauplatz dieses außergewöhnlichen museumspädagogischen Projekts.

„Forget memory, try imagination!“ – zu deutsch „Vergesst die Erinnerung, versucht es mit der Vorstellungskraft!“ ist das hier leitende Motiv. Hier entdecken die Teilnehmer, was die Kunsthistorikerin und Moderatorin Martina Klose-März „die schlafende Geschichte im Bild“ nennt. Es gehe nicht um ein schulisches oder wissenschaftliches Herangehen an die Kunst, wie sie betont. Bei dieser unbefangenen Begegnung gehe es vielmehr um Assoziationen, den Einsatz der Fantasie, um Freude und Interaktion mit anderen, um die Aktivierung der beträchtlichen Ressourcen, über die viele Menschen mit Demenz immer noch verfügen.

Duwes Liebe also wird in dieser erst zweiten Sitzung des Kreises zu einer komplett neuen Geschichte. Martina Klose-März wird behutsam fragend führen, zwei Protokollanten werden die Einfälle der Teilnehmer festhalten und zu einer neuen Geschichte verdichten, die beim nächsten Treffen vorgelesen werden wird. Und so bekommen Duwes Protagonisten hinter der weihnachtlichen Kuchentafel erst einmal Namen. Tamara und Peter. Und die Kinder. Aus dem schreienden Jungen wird Alfred, das versteckte Mädchen wird Anne. Leibesfülle wird Zeitmesser. „In der schlechten Zeit waren die Leute nicht so dick.“ Wohlbeleibt sind die Eltern, und jemand meint, dass dieses Bild Tamara und Peter wohl zehn Jahre nach dem ersten Bild zeigt, wo beide nackt umschlungen mit Kofferradio vor ihrem VW-Käfer posierten. Eine unerwartete Assoziation blinkt auf: „Schaumgeboren!“ Schaumgeboren? „Auf jeden Fall hat sie dreckige Füße.“ Heiteres Gelächter. „Sie haben auf einer Wiese geparkt, sind unter dem Auto hindurch gekrochen und haben vorn die Decke ausgebreitet.“ Was wohl auf dem großen Fernseher läuft. „Kuhlenkampff!“ „Wer ist denn Kuhlenkampff?“ Ein Bild weiter. Und wer ist da die gebeugte, magere Frau? Die Einsame auf dem letzten Bild?

Körperlich greifbar scheint die Scheu vor diesem endzeitlichen Motiv im Altenheim. Eine Besucherin im Nebenzimmer? Schwiegermutter. Unbekannte Friedenstifterin? Keine Einigkeit herzustellen. Dann lieber eine Überschrift für die 30 kreativen Minuten, die die amerikanischen Entwickler Timeslips, Zeitsprünge, genannt haben. „Von der Armut bis zum Wohlstand“; reichlich belacht und mehr beklatscht auch: „Wohl beleibt, die Alte bleibt!“

Die Zeit ist ist um. Der Kaffee wartet. Beim nächsten Treffen auf dem Museumsberg wird die Geschichte dieses Nachmittags erzählt werden. Manche werden sich sogar erinnern. Und das ist – neben der Freude – ein Ziel des amerikanischen Timeslips, der von der führenden deutschen Gerontologin Karin Wilkening für die mitteleuropäische Mentalität weiterentwickelt wurde.

Der Flensburger Museumsdirektor hatte Wilkening vergangenes Jahr in St. Gallen auf einer Konferenz kennen gelernt, auf der Museumsprogramme für besondere Zielgruppen vorgestellt wurden – darunter Timeslips, das Prof. Wilkening im Zentrum für Gerontologie in Zürich erfolgreich installiert hatte. „Wir hatten gleich ein langes Gespräch“, so Michael Fuhr. Und am Ende stand die Einladung nach Flensburg, der Wilkening gern und auf eigene Kosten folgte.

Mit ihrer Hilfe wurde Timeslips auf dem Museumsberg eingerichtet – überwiegend ehrenamtlich. Transport, Begleitung und Betreuung erfolgen ehrenamtlich und/oder durch Mitarbeiter der Einrichtungen, der Alzheimer-Gesellschaft oder des Seniorenbeirates, und das Interesse nach Ausweitung beziehungsweise Export des Projektes wächst. Auch jenseits der Grenze: Fuhrs Kollegen aus Sonderburg sind sehr angetan; auf dem Flensburger Museumsberg hätte man keine Einwände gegen eine zweite Gruppe, aber dafür werden freiwillige Helfer benötigt. „Kostenwirksam ist lediglich die Moderation“, sagt Fuhr. „Aber dieses Geld gebe ich gerne aus.“

Martina Klose-März findet wie Direktor Fuhr, dass ein besonders spannendes Projekt auf dem Museumsberg eingezogen ist. Sie, die fünf Jahre lang ihre an Demenz erkrankte Mutter gepflegt hat, freut sich, wenn Kunst auf offene Fantasie, auf freies Assoziieren trifft. Ganz im Sinne jenes Gastes, der in Zürich seinem Moderator nach der Sitzung einen wahren Wortschatz anvertraute: „Hier finde ich alles, was ich schon immer gesucht habe!“

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erstellt am 11.Mär.2016 | 14:30 Uhr

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