Kühle Einblicke in den kalten Krieg

<dick>Streng geheim:</dick> Der Standort des Regierungsbunkers 'Ludwig' in Lindewitt.
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Streng geheim: Der Standort des Regierungsbunkers "Ludwig" in Lindewitt.

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24. April 2010, 09:43 Uhr

lindewitt | Bis zum kalten Krieg sind es 23 Treppenstufen. Die Luft ist stickig und feucht, auf der Wandfarbe liegt ein grauer Schleier, auf dem Boden verstaubte Zeitungen mit der Jahreszahl 1966. Timo Lumma grinst, er hat seinen Spaß an den technischen Details des grauen Ungetüms, welches sich um seinen Kopf herum schlängelt: "Wenn eine Atombombe über Flensburg abgeworfen wird, soll diese Apparatur die Außenluft in einer Viertelsekunde von 800 Grad auf 80 Grad herunterkühlen." Lumma steht vor einer Belüftungsanlage, die den ganzen Raum ausfüllt. Wuchtige Rohre verlaufen kreuz und quer durch den engen Heizraum. Lumma zeigt auf die Wand hinter dem Sandfilter und schmunzelt wieder wie ein kleiner Junge, als er von einer dramatischen Fehlkonstruktion berichtet: "Raten Sie mal, was sich dahinter befindet?" Er spaziert in den Nachbarraum und zeigt auf die andere Seite der Wand: "Hier befanden sich Feldbetten, insgesamt 16 Leute haben hier geschlafen. Wenn die Atombombe gefallen wäre und die Maschine nebenan die Luft heruntergekühlt hätte, dann hätten die Jungs hier wegen der Hitze nur noch gesehen, wie die Wände rot werden, und dann wären sie alle weg gewesen."

Der 31-jährige Militärhistoriker hat eine ungewöhnliche Leidenschaft: die Unterwelt von Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit dem Verein "unter hamburg e.V." spürt Lumma historische Bunkeranlagen in Norddeutschland auf, um sie für die Nachwelt zugänglich zu machen. Denn kaum jemand weiß, wo sich die streng gemeinen Kellersysteme befinden - in Lindewitt bei Flensburg liegt der Eingang in ein vergessenes Kapitel des Kalten Krieges neben einer Garageneinfahrt. Unter der "Schule am Wald" liegt der "befestigte Ausweichsitz" der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Der Regierungsbunker, in Militärkreisen mit dem Decknamen "Ludwig" bezeichnet, wurde 1974 fertig gestellt. Wer den Bunker betreten wollte, musste sich auf chemische oder atomare Kampfstoffe überprüfen lassen. Am Eingang warteten Grenzschützer, ein Arzt nahm an den Soldaten, die sich völlig entkleiden mussten, eine Vormessung vor. Dann ging es zuerst für zehn Minuten in die Kaltdusche, danach für eine Viertelstunde in die Warmdusche.

Vom kalten Krieg ist Jahrzehnte später nicht mehr viel zu sehen. In der Küche liegen tote Spinnen, in der Vorratskammer erinnern nur noch die Regaletiketten daran, dass hier bis zu 4410 Kilo Nahrungsmittel gelagert wurden. Das einzige Relikt aus einer Zeit, in der die Angst vor einem atomaren Erstschlag allgegenwärtig war: Eine Toilettenrolle, auf der Verpackung das biedere Design der Sechziger Jahre, als der Kalte Krieg mit dem Bau der Berliner Mauer und der Kuba-Krise seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte. "Die Landesregierungen haben ab dem Jahre 1962 für den Fall eines bewaffneten Konfliktes sichere Orte gesucht, von denen sie im Kriegsfall ihre Amtsgeschäfte fortführen konnten", sagt Timo Lumma.

Der Landessicherheitsrat kam in Lindewitt nie zusammen. Trotzdem war der Bunker zwischen 1966 und 1994 durchgehend besetzt - von Bundesgrenzschutz-Beamten, Polizisten und zuletzt dem Katastrophenschutz. Der Bunker verfügte über Stromgeneratoren, einen Fernmelderaum und ein kleines Radiostudio - für die Angehörigen von Militär und Grenzschutz war dieser Bereich jedoch tabu, er wurde von zwei NDR-Mitarbeitern betreut. Dass sich unter der Schule ein streng geheimerSicherheitsbereich befand, war seit Baubeginn im Jahre 1960 allseits bekannt: "Eine Großbaustelle auf dem platten Land, massive Eisenbahnschienen, die in die Deckenkonstruktion eingelassen wurden, das war schon sehr auffällig", sagt Militärhistoriker Timo Lumma. Und auch auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs wurden die Bauaktivitäten in der schleswig-holsteinischen Provinz schnell bemerkt: "Hier tauchten schnell Touristen auf, die sehr akribisch fotografierten", weiß Lumma.

50 Jahre nach Baubeginn ist von dem Regierungsbunker nicht mehr viel übrig geblieben: "Das sieht hier ganz unspektakulär aus, wie in einem besseren Keller", gibt auch Timo Lumma zu. Die Einrichtung wurde an die Bevölkerung verschenkt oder auf den Müll geworfen. Timo Lumma betritt einen Raum, in dem nur noch eine Landkarte von Schleswig-Holstein steht: "Wir stehen hier in der provisorischen Staatskanzlei", sagt er und zählt auf, welche Bedeutung dieser schlichte Kellerraum im Konfliktfall gehabt hätte: "Von hier aus hätte der Landessicherheitsrat die Evakuierung der Bevölkerung koordiniert, die Leichenbergung organisiert und die Versorgung der Kriegsverletzten gewährleistet."

Der kalte Krieg ist längst vorbei, die Motoren aus dem Maschinenraum des Bunkers haben bei benachbarten Landwirten neue Verwendung gefunden - und Timo Lumma sowie der Verein "unter hamburg e.V." wollen die Erinnerung an die Unterwelt von Schleswig-Holstein bewahren.

Im Juni 2008 fragten sie beim Innenministerium, ob sie eine Führung im Bunker veranstalten dürften. Im selben Monat fand ein erster Rundgang statt - ehemalige Bunkermitarbeiter kamen nach Lindewitt, Anwohner und Hobby-Historiker. Zu Beginn schickte das Innenministerium einen Beobachter zu den Führungen - aus Sorge vor rechtsnationalen Besuchern. Die wurden in Lindewitt nicht gesichtet, und so darf der Verein immer wieder Wochenendführungen anbieten. Anmeldungen für die nächsten Führungen am morgigen Sonntag um 11, 14 und 17 Uhr werden noch Anmeldungen unter der Nummer 040/68267560 angenommen.

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