Vor 100 Jahren : Kriegsgedenken im Schatten der Katastrophe

Nordermarkt und Große Straße: Die Spannung nach dem Attentat trieb die  Menschen auf die Straße.
Nordermarkt und Große Straße: Die Spannung nach dem Attentat trieb die Menschen auf die Straße.

In die Erinnerung an den deutsch-dänischen Krieg platzten die tödlichen Schüsse von Sarajevo - ein Historiker schildert das Flensburger Geschehen am Vorabend des Krieges.

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30. Juni 2014, 12:28 Uhr

1914 lag der deutsch-dänische Krieg von 1864 genau 50 Jahre zurück. Den Höhepunkt des Gedenkens sollte die seit Monaten geplante „Provinzialjubiläumsfeier am 29. Juni, dem Tage des Übergangs nach Alsen“ bilden, zu der Kriegsveteranen „aus allen Teilen des Reiches“ mit Sonderzügen in den Norden kommen würden. Die „Flensburger Nachrichten“, der Vorläufer des heutigen Tageblatts, machten ihre Leser am 20. Juni 1914 durch einen ausführlichen Bericht auf die bevorstehenden Ereignisse aufmerksam:

„Auf dem festlich geschmückten Platz am Ostseebad werden von 8 Uhr ab die Regimentskapelle und die Schiffsjungenkapelle abwechselnd spielen, an zahlreichen Verkaufsstellen werden Erfrischungen – Bier usw., belegte Brötchen und warme Würstchen – feilgehalten. Es wird ein etwa 2000 Personen fassendes Zelt aufgeschlagen werden, das bei ungünstigem Wetter Unterschlupf gewährt. Ferner sind zahlreiche Tische aufgestellt und die Zahl der Bänke ist bedeutend vermehrt. Der Oberbürgermeister wird die Veteranen in einer kurzen Ansprache im Namen der Stadt Flensburg willkommen heißen. Um 10 Uhr findet ein Feuerwerk statt, das der Feier einen würdigen und prächtigen Abschluß gibt. Von 10 Uhr ab werden die Veteranen auf dem Wasserwege zurückbefördert werden. Während der Fahrt sollen die von der Förde aus gut sichtbaren öffentlichen Gebäude zu beiden Seiten des Hafens bengalisch beleuchtet werden.“


Die Schreckensnachricht geht um die Welt


Es sollte anders kommen. Am 28. Juni 1914 besuchte der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand gemeinsam mit seiner Frau Sophie die bosnische Hauptstadt Sarajewo. Schon auf dem Weg zum Rathaus wurde auf das Paar ein Bombenanschlag verübt, dem es glücklich entging, aber auf der Rückfahrt fielen gegen 11 Uhr die beiden Schüsse des 19-jährigen serbischen Attentäters Gavrilo Princip, der seine Ziele nicht verfehlte. Wenige Minuten später waren sowohl der Erzherzog als auch seine Frau tot. Durch Telefon und Telegrafie verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, und auch in Flensburg traf die Meldung noch am gleichen Nachmittag ein und wurde durch Aushänge und Extrablätter verbreitet. Am 29. Juni berichteten alle Tageszeitungen ausführlich von dem Ereignis. So las man in den „Flensburger Nachrichten“:

„Die Kunde von einem entsetzlichen Verbrechen erfüllt seit gestern die Welt: Der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin, die Herzogin von Hohenburg, sind in der Hauptstadt Bosniens einem ruchlosen Anschlag zum Opfer gefallen. ‚Nichts bleibt mir erspart!’ – so soll der alte Kaiser Franz Joseph schmerzbewegt ausgerufen haben, als er die schreckliche Kunde vernahm.“

Dieser einleitende Absatz ist insofern bezeichnend, als er den Fokus nicht auf den durchweg unbeliebten Franz Ferdinand, sondern auf Franz Joseph richtet. Das Mitleid mit dem greisen Kaiser war allgemein. Die Menschen hatten den tragischen und geheimnisumwitterten Freitod seines einzigen Sohnes Rudolf im Jahre 1889 und die 1898 folgende Ermordung der Kaiserin, der berühmten „Sissi“, die von einem italienischen Anarchisten am Ufer des Genfer Sees mit einer Feile niedergestochen worden war, noch deutlich vor Augen.

Der Flensburger Magistrat musste nun entscheiden, wie mit der abendlichen Gedenkveranstaltung zu verfahren sei, zumal sich unter den Gästen auch einige Österreicher befanden. Da eine Absage unmöglich war (die Veteranen hielten sich zum Zeitpunkt des Attentats bereits in Sonderburg zur dortigen Feier auf), entschloss man sich zu einem Kompromiss:

„Wegen der Trauer, in die das befreundete österreichische Kaiserhaus und das österreichische Volk durch die Ermordung des Thronfolgers und seiner Gemahlin versetzt wurden, muß das Programm des heutigen Veteranen-Empfanges im städtischen Ostseebad insofern eine Änderung erfahren, daß die musikalischen Vorträge, das Feuerwerk und die Festbeleuchtung in Fortfall kommen. Die Flensburger Bürgerschaft wolle sich aber im Interesse der Veteranen nicht abhalten lassen, sich dennoch recht zahlreich an dem Empfang zu beteiligen.“


Feier im Schatten der Katastrophe


Dieser Aufforderung sind die Bürger nachgekommen, und ein „kolossaler Menschenstrom“ traf, vom Dampfschiffpavillon an der Schiffbrücke kommend, mit den pausenlos fahrenden Fördedampfern am Ostseebad ein. Viele entschlossen sich auch, die „Elektrische“ zu nehmen und das letzte Stück zu Fuß zu gehen. Trotz des herrlichen sommerlichen Abends lag ein Schatten über dem Fest, und so sagte Oberbürgermeister Dr. Todsen in seiner Ansprache:

„Meine hochverehrten Veteranen. Von Herzen hat die Stadt Flensburg sich auf den Tag gefreut, an dem Sie auf der Rückreise von der Erinnerungsfeier auf Düppel und Alsen zu uns kommen sollten. Magistrat und Stadtverordnete und mit ihnen die gesamte Einwohnerschaft hatten den lebhaften Wunsch, Ihnen einen festlichen Begrüßungsabend zu bieten. Alle Vorbereitungen dazu waren getroffen. Es ist anders gekommen. Tiefe Trauer ist über das österreichisch-ungarische Kaiserhaus und Volk durch die entsetzliche Tat verruchter Mörder hereingebrochen. Das schwere Leid, das den ehrwürdigen Kaiser Franz Joseph, den treuen Verbündeten des Deutschen Reiches, das Ihre Waffenbrüder von 1864 betroffen hat, das, wie wir wissen, auch unseren geliebten Kaiser und König in tiefster Seele berührt, es liegt als ein Druck auf uns allen. Darum haben wir von den geplanten festlichen Veranstaltungen Abstand nehmen müssen. Nur ein einfaches Zusammensein im Kreise der Kameraden und mit den Behörden und Bürgern der Stadt Flensburg können wir Ihnen jetzt bieten.“

In den folgenden Tagen informierte die Flensburger Presse ausführlich über neue Einzelheiten und internationale Reaktionen auf das Attentat. Fünf unabhängige Tageszeitungen boten dabei ein erstaunliches Spektrum und zahllose Details, aber nur die „Flensburger Volks-Zeitung“ ahnte, dass unabsehbare Folgen drohen könnten. Schon an jenem 29. Juni 1914 konnte man dort lesen:


Weitsichtige Mahnung in der Volkszeitung


„Zweifellos ist Franz Ferdinand das Opfer seiner antiserbischen Politik geworden, und sollte sich zeigen, daß die Fäden der gegen ihn gerichteten Verschwörung nach dem Königreich Peters hinüberführen, dann muß mit dem Ausbruch eines schweren internationalen Konflikts gerechnet werden. Darum muß heute schon gesagt werden, daß Deutschland auf keinen Fall Grund hat, eine gegen Serbien gerichtete österreichische Gefühlspolitik mitzumachen. Es wäre menschlich, wenn sich Habsburg für das verübte blutige Verbrechen Genugtuung verschaffen wollte, es wäre aber unmenschlich, Europa deswegen in einen Krieg zu stürzen.“

Trotz dieser Warnung und obwohl das Attentat von Sarajewo, wie wir heute alle wissen, zum 1. Weltkrieg führen sollte, ging die „Flensburger Volks-Zeitung“, wie alle anderen Flensburger Blätter auch, schon nach wenigen Tagen kaum noch auf die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares ein. Hinter den Kulissen jedoch nahm die große Katastrophe ihren Lauf. . .


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