150 Jahre Flensburger Tageblatt : Kriegs-Schau auf dem Schulhof

Der AVS-Schulhof während der Kriegsausstellung: Trosswagen und eine Kanone rahmten ein abgeschossenes französisches Bombenflugzeug ein. Fotos: Sammlung Pust
Der AVS-Schulhof während der Kriegsausstellung: Trosswagen und eine Kanone rahmten ein abgeschossenes französisches Bombenflugzeug ein. Fotos: Sammlung Pust

Kanonen, Granaten, Gasmasken: Im Herbst 1916 war die Auguste-Viktoria-Schule Schauplatz der „Deutschen Kriegsausstellung“.

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25. Mai 2015, 09:30 Uhr

Flensburg | Vom 22. Oktober bis zum 19. November 1916 fand in der Auguste-Viktoria-Schule, dem damaligen Lyzeum (höhere Mädchenschule), die „Deutsche Kriegsausstellung für die Nordmark“ statt. Diese Ausstellung wurde „vom Zentralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz auf Veranlassung und mit Genehmigung des Kgl. Preuß. Kriegsministerium“ ausgerichtet und verfolgte nach Zeitungsangaben zum einen den Zweck, dem Roten Kreuz Geld zuzuführen, zum anderen diente sie dazu, „den Daheimgebliebenen die Geschehnisse des Krieges näher zu bringen und dadurch das nationale Interesse wachzuhalten und anzuregen“. Derartige Kriegsausstellungen wurden ab 1916 im Deutschen Reich an verschiedenen Orten veranstaltet, in Schleswig-Holstein jedoch nur in Flensburg. Wahrscheinlich erhoffte man sich hier große Resonanz, da in Flensburg das nationale Bewusstsein im Schnittpunkt von deutscher und dänischer Kultur wohl als besonders stark angesehen wurde. Bezeichnenderweise wurde die Ausstellung auch im Amtlichen Schulblatt erwähnt: Die Ausstellung werde „in allen Kreisen der Bevölkerung das größte Interesse“ finden „und insbesondere für die Jugend lehrreich sein“.

An der Schule fanden offenbar längere Vorarbeiten statt. Wie in der Schulchronik berichtet, wurde auch „während der Herbstferien“ für die Ausstellung gearbeitet. Eröffnet wurde sie dann am 22. Oktober 1916, dem Geburtstag der Kaiserin Auguste Viktoria, seit 1912 Namenspatronin der Schule. Für die Wahl des Veranstaltungsortes spricht, dass in anderen Schulen nicht ausreichend Platz vorhanden war, da beispielsweise das heutige Alte Gymnasium bis 1918 von der Heeresverwaltung als Massenquartier genutzt wurde. Es ist jedoch auffällig, dass offenbar keine Bedenken bestanden, in einer Mädchenschule eine Kriegsausstellung zu zeigen. Wahrscheinlich hielt man die Ausstellung sogar einer Mädchenschule für angemessen, da die Erlöse dem Roten Kreuz zugute kommen sollten.

Die Ausstellung sollte an vielen Modellen und Originalstücken die gesamte Realität des Krieges zeigen, weite Teile des Schulgebäudes waren in Anspruch genommen. So befand sich in der Aula die „Luftfahrtabteilung“, die unter anderem das „Original eines abgeschossenen französischen Parasool-Eindeckers“ zeigte. Daneben wurde in der Aula ein 2,50 mal 1,25 Meter großes „Schützengrabenmodell“ ausgestellt.

„Im Singsaal und dem dazu gehörigen Vorzimmer“ war die „Marineabteilung“ aufgebaut. Im Erdgeschoss wurde die Ausstellung einer Privatklinik für Chirurgie und Orthopädie gezeigt, in der die Kriegsverletzten-Fürsorge illustriert war. Im gleichen Raum befand sich eine Sammlung von Kriegsauszeichnungen.

Ein anderer Zeitungsbericht führte die Beschreibung noch weiter fort. Danach waren auf dem Schulhof Geschütze und Fuhrwerke aufgebaut, beispielsweise ein „zerschossener und teilweise verbrannter russischer Munitionswagen“ oder die „kläglichen Reste eines französischen Bombardierflugzeugs“. Mit solchen abwertenden Begriffen suggerierte man die vermeintliche Unterlegenheit der Kriegsgegner. In der „Schleswig-Holsteinischen Schulzeitung“ wurden die „figürlichen Darstellungen von Kriegsbildern“ besonders hervorgehoben: „Unter Verwendung der reichen Beute konnte man durch Herausgreifen von Szenen aus dem zur Verfügung stehenden photographischen Material kleinere und größere Gruppen zusammenstellen, die die Rassen-Unterschiede unserer verschiedenartigen Feinde, unter Verwendung der eigenartigen Kriegsmaschinen, Wagen und Geräte vor Augen führen“. Auch an dieser Stelle des Zeitungsberichts kommt deutlich zum Ausdruck, dass man die „Feinde“ als unterlegen ansah. Allgemein verurteilte man, dass Briten und Franzosen Soldaten aus ihren Kolonien auf dem europäischen Schlachtfeld einsetzten, die tatsächlich als rassisch minderwertig angesehen wurden, und so stellte man Puppen aus, die Angehörige dieser Kolonialvölker wie exotische Tiere zeigten.

Aus der Ankündigung der Ausstellung in der Zeitung am 21. Oktober 1916 geht hervor, dass auch eine „kunstvolle Säule“ aufgestellt war, die der Benagelung diente. Der Erlös aus jedem gekauften Nagel sollte wiederum dem Roten Kreuz zugute kommen. Schüler konnten besonders billige Nägel erwerben. Objekte dieser Art, die zur Benagelung dienen sollten, sogenannte „Kriegswahrzeichen“, gab es in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich ab 1915 zu tausenden. Am Ende der Ausstellung trug die Säule nach Zeitungsangaben neben vielen Nägeln „über 100 Schilder [...] mit den Namen von Familien, Firmen, Vereinen, Schulen, Schulklassen, Logen, Innungen, Aktien-Gesellschaften usw.“

Die Ausstellung war öffentlich, der Eintritt betrug 50 und 25 Pfennig. Insgesamt betrug die Zahl der Besucher nach Angaben der Flensburger Nachrichten bereits in der ersten Woche „über 12  000, insgesamt sogar 68  200 Personen, das sind 2300 Besucher pro Tag. Neben den Knabenschulen waren auch viele Mädchenschulen vertreten.

Die „Deutsche Kriegsausstellung für die deutsche Nordmark“ erscheint damit als eine Veranstaltung, die zum Pflichtprogramm für Schulen gehörte. Schüler und Schülerinnen erhielten hier „politischen Anschauungsunterricht“. Besonders verwunderlich mutet es an, dass dabei keinerlei Trennung zwischen den Geschlechtern vorgenommen wurde. Diese Probleme der Vereinbarkeit von Kriegsdarstellungen mit dem zu vermittelnden Frauenideal wurden beispielsweise auch deutlich in einer in der „Schleswig-Holsteinischen Schulzeitung“ 1893 ausgetragenen Kontroverse über die „Kriegsbegeisterung in der Mädchenschule“. Dort wurde in einem Beitrag zunächst eine gesonderte Kriegsdarstellung für Mädchen gefordert: „Die Mädchen sollen nicht ihre Freude haben an blutigen Schlachten, an Kampf und Heldentod; denn dabei geht ihnen der Sinn für das Schöne und Liebliche, die Anmut, der größte Schmuck des Weibes, verloren“, forderte ein Lehrer. Dagegen argumentierte der Volksschullehrer Drews in Bezug auf diesen Artikel, dass Frauen sehr wohl mit Kriegsgeschehen konfrontiert werden müssten, da sie „der überwiegenden Mehrzahl nach den Beruf haben, später Soldatenfrauen und Soldatenmütter zu werden“. Durch Kriegsdarstellungen würde in den Mädchen der Wunsch entstehen, „als Diakonissinnen auf dem Schlachtfelde die Verwundeten zu pflegen“. Unter diesen Aspekten konnte der Krieg also auch in das gängige Frauenbild integriert werden.

Insgesamt wurden alle mit dem gleichen Bild des Krieges konfrontiert, das in erster Linie von der Überlegenheit der deutschen Soldaten und Waffen, der Unterlegenheit der „Feinde“ und der Kriegsverherrlichung geprägt war.

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