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„Verwaltungsfehler“ in Flensburg : Krankenkasse erklärt 74-Jährige irrtümlich für tot

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die IKK Nord beauftragt Flensburger Sanitätshaus, den Rollstuhl einer „Verstorbenen“ zurückzuholen. „Ein Versehen“, heißt es. Inge und Uwe Grosser warten aber bis heute auf eine Entschuldigung.

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Inge und Uwe Grosser haben es nie leicht gehabt. Besonders im Alter hat ihnen das Leben arg zugesetzt. Der ehemalige Zimmerer-Meister hat aufgrund seiner beruflichen Beanspruchung bereits vier Operationen an der Bandscheibe über sich ergehen lassen müssen. Er kommt nur mit einem Gehwagen mühsam voran.

Seine Frau leidet an einer chronischen Verengung der Atemwege: Die Krankheit namens COPD kann letztlich zur Zerstörung des Lungengewebes führen. Die 74-Jährige sitzt im Rollstuhl, ein in die Nase führender Schlauch sorgt Tag und Nacht für kontinuierliche Sauerstoffzufuhr. Seit anderthalb Jahren ist sie darauf angewiesen. Sie leidet, aber sie lebt.

Die Innungskrankenkasse (IKK) Nord sieht das anders. Sie hat die Frau für tot erklärt. Mit Datum vom 26. Januar – Uwe Grosser liegt zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus – landet ein Schreiben im Briefkasten der Grossers. Die Mitarbeiterin eines Sanitätshauses bittet dringend um Rückruf. Es gehe, erklärt sie, um die Abholung der medizinischen Hilfsmittel für seine Frau. Unmittelbar nach seiner Entlassung am letzten Donnerstag setzt sich der 76-Jährige mit dem Geschäft in Verbindung. „Dort wurde mir leicht und locker erklärt, dass meine Frau verstorben sei. Das war für mich ein fürchterlicher Schock.“ Uwe Grosser blickt um sich – und dort sitzt niemand anderes als seine Inge. Leibhaftig!

Uwe Grosser erläutert also glaubhaft, dass seine Frau noch am Leben sei. Nachweislich. Von wem, fragte er, stamme denn die Fehlinformation? Antwort: Von der zuständigen Krankenkasse. Ihm wird gestattet, das entsprechende Schreiben einzusehen. Tatsächlich ist dort vermerkt: „Bitte Hilfsmittel zurückholen, Versicherte ist verstorben. Vielen Dank.“ Es geht um einen Faltrollstuhl mit Sitzkissen, Modell 1350.

Grosser ruft bei der IKK an, bei der er über 30 Jahre lang Mitglied ist. Dort erfährt er, dass die zuständige Sachbearbeiterin im Urlaub sei. Seine Bitte, man möge ihn am Montag zurückrufen, um die leidige Angelegenheit aufzuklären, sei jedoch nicht erhört worden. „Ich warte noch heute darauf“, sagt der Flensburger fassungslos.

Die Eheleute wollen die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Sie schalten die Polizei ein und erhalten die Information, dass ein derartiger Fauxpas durchaus eine Strafanzeige rechtfertige. Sie wenden sich an ihren Pflegedienst, der sie in ihrer Wohnung in der Gartenstadt intensiv betreut. Sie sprechen mit dem Sozialverband, um sich Rat zu holen.

Überall ist man der Meinung, dass die Kasse die makabere Todesbotschaft nicht einfach ad acta legen könne. „Wir sind nur Menschen und da passieren Fehler“, sagt Inge Grosser. Aber in so einem Fall sollte ihrem Verständnis nach ein Verantwortlicher vorbeischauen und um Entschuldigung bitten. „Es geht mit nicht gut“, stellt die Patientin klar, „aber ich lebe noch.“

Als das Flensburger Tageblatt einen IKK-Mitarbeiter mit dem Fall konfrontiert, spricht dieser gegenüber dem Ehepaar sein Bedauern aus. Gegenüber unserer Zeitung heißt es, der Rollstuhl sei nach Informationen der Krankenkasse unbenutzt aufbewahrt worden. „Es ist mysteriös – durch ein Versehen wurde dann eine Rückholaktion ausgelöst.“ Mittlerweile heißt es in einem Statement der IKK, es handele sich um einen Verwaltungsfehler. In der nächsten Woche werde ein Mitarbeiter sich persönlich bei dem Ehepaar entschuldigen.

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