Einfach spitze : Kraftwerks-Schornstein: Die lange Röhre nach oben

Zum ersten Mal auf 'seinem' Schornstein: Kraftswerksleiter Walter Baar genießt den unbeschreiblich schönen Hafenblick aus 135 Metern Höhe. Foto: Staudt
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Zum ersten Mal auf "seinem" Schornstein: Kraftswerksleiter Walter Baar genießt den unbeschreiblich schönen Hafenblick aus 135 Metern Höhe. Foto: Staudt

Mit 140 Metern Höhe ist der Schornstein der Stadtwerke das zweithöchste Bauwerk Flensburgs - und der höchste erklimmbare Punkt von Hafen und Innenstadt.

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07. Oktober 2008, 07:35 Uhr

Flensburg | Normalerweise kommt niemand nach ganz oben. "Schließlich ist es ja keine Aussichtsplattform", sagt Walter Baar. Und sein Wort zählt, denn der 60-Jährige ist Herr über das Kraftwerk der Stadtwerke Flensburg. Und kann somit auch entscheiden, wen er nach oben auf den Schornstein lässt, und wen nicht. Es gehören schon eine gute Portion Glück und ein gut gelaunter Kraftwerksleiter dazu, um diese ungewöhnliche Besichtigungstour antreten zu können.
Sechs Kessel. Jeder Kessel ein eigenes Rohr; 1,80 Meter Durchmesser. Alle zusammen bilden das Innere des 140 Meter hohen Beton-Riesen. 1972 wurde der Schornstein errichtet. Er steht am Ende einer umfangreichen Prozedur der Energiegewinnung: Kohle aus Russland und Kolumbien kommt per Schiff wenige Meter vom Schornstein entfernt an. Landet direkt auf der 200 000 Tonnen fassenden Kohlehalde. Von hier gehts über die Kohlebrücke in die Mühle, wo sie zu Staub gemahlen und dann in die Kesselanlagen geblasen wird. Der Verbrennungsprozess beginnt. Der Rauch bahnt sich seinen Weg durch die Kesselrohre an die 140 Meter hohe Schornsteinspitze - und dieser Ort ist heute mein Ziel. Genau genommen fünf Meter darunter, denn die obersten fünf Schornstein-Meter sind tabu. Natürlich ist der Weg, den Menschen nach oben beschreiten, ein anderer, als der, den der Rauch einschlägt. Menschen nehmen den Fahrstuhl, der zwischen den sechs Rohren verläuft. Nein, kein Fahrstuhl. Wie hatte Baar das Gefährt noch gleich genannt, in dem nebst Techniker, der es bedient, nur eine Person mitfahren kann? "Der richtige Name lautet Befahreinrichtung, nicht Fahrstuhl!" hatte er betont.
"Beam me up, Scotty!"
11:38 Uhr. Baar ist längst oben. Nun hält die "Befahreinrichtung", um auch mich aufzuladen. Man kann nur von Ladung sprechen, denn genau so fühlt man sich. Gemächlich hebt sich das Konstrukt, an mehreren Stahlseilen baumelnd, in die Höhe. Beim Anblick der Plexiglas-Röhre gingen die Gedanken zunächst in Richtung Raumschiff Enterprise - "Beam me up, Scotty!" - doch von einem Raumschiff ist dieses Gefährt Millionen Lichtjahre entfernt. Der Motor ackert, schlurrt. Ein Gebläse pustet. Die enge Fahrstuhlkabine wackelt. Metallgeruch. Elf Minuten bis nach oben. Langweilig ist die Fahrt aber nicht: Techniker Joachim Zimmerriemer, 48, zuständig für die Instandsetzung des Schornsteins, ist ein netter Gesprächspartner.
Zwei Mal im Jahr macht er sich auf den Weg nach oben, um zu prüfen, ob alles noch funktioniert. 2000 war dies nicht der Fall, und für eine Million Mark musste eine komplette Röhre ausgetauscht werden, weil es Risse gab. Heute, als geduldiger Lift-Boy im Einsatz, erzählt er eine interessante Geschichte: Auf der Spitze des Schornsteins wohne ab und zu ein Wanderfalke. Ein Wanderfalkenschutzbeauftragter sei einst auf die Spitze des Schornsteins befördert worden, und habe festgestellt, dass der Platz ideal für die Ansiedlung des Vogels ist. Seitdem befinde sich ein Nistkasten dort oben. Ein paar Mal sei der Falke schon gesichtet worden, habe sich mal eine Taube zum Frühstück gekrallt. Zum Brüten habe man ihn jedoch bisher nicht überzeugen können. "Das wäre ein besonderes Ereignis für uns", sagt Zimmerriemer, der aus Sicherheitsgründen ein Rauchgaswarngerät am Gürtel trägt. Alle paar Sekunden macht es "Piep".
Die letzten sechs Meter per Leiter
88 Meter, 128 Meter, mit Edding auf die Rohre geschrieben. 11.49 Uhr: Der Fahrstuhl hält mit einem Ruck. Doch man ist längst nicht oben. Erst noch eine sechs Meter lange Leiter, die eher eine Stange mit ein paar Trittflächen ist, überwinden. Deshalb auch das Klettergeschirr, das die ganze Zeit über dem blauen Ganzkörper-Anzug schwer am Körper hängt. In die Schiene eingerastet, und rauf, auf die Luke zu, wo Baar schon wartet. Die Hände werden schmutzig. Geschafft! 134,56 Meter verrät an der Tür in die Freiheit ein kleines Schild. Es weht ein ordentlicher Wind. Und gleich erfahre ich: Zimmerriemers Geschichte ist wahr. Vor mir: Ein Nistkasten.

Dies ist nach dem NDR-Sender das zweithöchste Bauwerk Flensburgs. "So, und wenn sie sich jetzt nicht bewegen und ganz ruhig nach unten schauen, dann sehen Sie auch, wie sich der Schornstein bewegt", sagt Baar. Und tatsächlich: Er wackelt deutlich. Bei Windböen so sehr, dass man meint, den Körper mit den Beinen ausbalancieren zu müssen. Vom Rand aus: Ein unbeschreiblicher Panoramablick. Der Wasserturm verschwindend klein, das Schottweghochhaus, der NDR-Sender, alle markanten Wolkenkratzer, zahlreiche Kirchturmspitzen, Sonwik - ein toller Blick auf die Innenförde. Walter Baar gefällt es hier oben. Er ist zum ersten Mal hier. Ob er Höhenangst hat? "Ich bin ausgebildeter Fallschirmspringer", sagt der gebürtige Hesse schmunzelnd. Alle weiteren Fragen erübrigen sich somit. Zwölf Sprünge hat er als Fallschirmspringer bei der Bundeswehr absolviert.
Nicht alle Kessel werden täglich "gefahren". Heute sind zwei aktiv. Welche, das spürt man, wenn man sie berührt: Die Rohre der beiden aktiven sind wohlig warm. Die anderen sind eiskalt. Der Schornstein wankt und wankt. Laut Baar ist das auch gut so, "sonst würde er abknicken". Dann lieber Wanken. Man hat sich schnell dran gewöhnt. Nach einer Stunde und 25 Minuten gehts wieder abwärts. Elf Minuten lang. Mit Zimmerriemer. In der "Befahreinrichtung".

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