Krähenplage: Ärger mit Lärm und Dreck

In immer mehr Städten klagen Bürger über die geschützten Rabenvögel

Avatar_shz von
22. Mai 2013, 03:59 Uhr

Kiel | Nicht jeder Singvogel singt, mancher krächzt laut und anhaltend. Und kotet auf die Autos - mehr als es den Städtern lieb ist. Seit Jahren ist das Thema Krähenplage in aller Munde, beherrscht Schlagzeilen und Ratsversammlungen - vor allem in Schleswig-Holstein. Denn hier hat sich ein Drittel der bundesdeutschen Krähenpopulation niedergelassen und geht vielen Menschen auf die Nerven.

Beispiel Walter Schlick aus Kiel: Mehrere hundert Nester der geschützten Saatkrähen hat er vor der Haustür, teilweise keine 20 Meter vorm Schlafzimmerfenster. "Morgens um vier ist die Nacht vorbei, dann beginnt der Terror. Selbst durchs geschlossene Fenster hört man das Gezeter", berichtet Schlick. Mehr noch: In Kiel haben Krähen bereits Menschen attackiert, zuletzt eine Fahrradfahrerin mitten in der Stadt. Mit einem extra angefertigten Schild warnt die Kommune vor den schwarzen Vögeln, die besonders aggressiv sind, wenn sie Junge haben.

Ähnlich wie in den anderen Krähen-Hochburgen Rendsburg, Elmshorn, Bad Segeberg und Bad Oldesloe hat auch die Verwaltung der Landeshauptstadt alles versucht, die Tiere zu vergrämen. Doch das verlagert das Problem nur oder klappt erst gar nicht. Werden 250 Nester aus den Bäumen geholt, gibt es nach zwei Jahren doppelt so viele neue. Angesichts der rasanten Vermehrung überall im Lande verstehen Betroffene nicht, dass Naturschutzverbände die Saatkrähe weiter als bedrohte Vogelart einstufen und auf der Roten Liste der EU sehen wollen.

Vogelschützer wiederum verstehen die "Klagerei der Bürger" nicht. "Autos machen mehr Lärm als Saatkrähen", kontert Ingo Ludwichowski vom Nabu Schleswig-Holstein. Dass die Population wächst, sei ein Trugschluss. "Es kommen nur mehr Rabenvögel in die Städte. Früher hatten wir 30 Prozent im Siedlungsgebiet und 70 Prozent im Außenbereich, heute ist das Verhältnis genau umgekehrt." Der Grund: "Das liegt am Grünlandumbruch". Weil es immer weniger feuchte Wiesen gebe, suchten sich die Rabenvögel in den Städten mit ihren Parks und Rasenflächen ein neues Zuhause. Und mit noch einer Fehleinschätzung räumt der Nabu-Chef auf. Andere Vogelarten litten nicht unter den Krähen. Zählungen anlässlich der "Stunde der Gartenvögel" zeigten keinen Schwund bei Amsel, Drossel, Fink und Star in Regionen, in denen es viele Rabenvögel gibt. Auch wenn Bürger aus Krähenhochburgen ganz anderes berichten und sich zu Bürger initiativen gegen Lärm, Schmutz und Singvogelsterben zusammenschließen - die Politiker sind wegen der Naturschutzpolitik machtlos. "Der Konflikt ist bis auf Weiteres nicht lösbar", gibt Kiels Bürgermeister Peter Todeskino zu Protokoll.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen