Kräftetanken für die Mammutaufgabe

Urlaub in Schleswig-Holstein: Astrid Nissen und Jean Gardy Marius. Foto: wim
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Urlaub in Schleswig-Holstein: Astrid Nissen und Jean Gardy Marius. Foto: wim

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31. Juli 2010, 05:11 Uhr

Schleswig | Genau ein Jahr ist es her, da machte Astrid Nissen auf das Schicksal der Menschen in Haiti unmissverständlich aufmerksam. "Abseits vom Weltgeschehen gibt es hier eine katastrophale Situation, die kaum jemand wahrnimmt", sagte Nissen, Büroleiterin der Diakonie-Katastrophenhilfe in Port au Prince, damals in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Hunger, Hurrikanes und mangelhafte ärztliche Versorgung machten den karibischen Inselstaat zum Armenhaus des amerikanischen Kontinents. Inzwischen hat sich diese Situation völlig geändert: Sie ist nach dem verheerenden Erdbeben im Januar noch viel schlimmer geworden. Und Astrid Nissen befürchtet, dass Haiti nach dem Abebben der internationalen Hilfewelle wieder auf der Schattenseite des internationalen Interesses landet - "und das, obwohl jetzt die Hurrikane-Saison angefangen hat und mehr als eine Million Menschen seit einem halben Jahr in einfachsten Notunterkünften oder auf der Straße hausen", sagt die 38-Jährige.

Unfassbare Bilder, Erinnerungen an das anstrengendste halbe Jahr ihres Lebens und einen ganzen Koffer voller Sorgen um die Zukunft Haitis hat Astrid Nissen nun mitgebracht über den Atlantik, um zum ersten Mal seit Januar für ein paar Wochen die Füße hochzulegen. Urlaub. Abschalten. Nichts tun. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem haitianischen Arzt Jean Gardy Marius, ist Astrid Nissen nach Hause gekommen. Nach Geltorf, zu ihren Eltern Renate und Holger. "Es ist schön, hier zu sein und nicht ständig Trümmer zu sehen. Und es ist auch gut, eine Zeit lang das Handy einfach mal auszumachen", sagt Astrid Nissen.

Zur Begrüßung hat ihr Vater die haitianische Flagge am Haus gehisst. Dazu trägt er abwechselnd T-Shirts mit Aufdrucken der Diakonie-Katastrophenhilfe und von Osapo, der Hilfsorganisation, für die Jean Gardy Marius arbeitet. "Meine Eltern sind stolz auf meine Arbeit, aber sie haben sich natürlich große Sorgen gemacht, als das Erdbeben passierte", erzählt Astrid Nissen. Und da sie sich dessen von Anfang an bewusst war, habe sie so schnell wie möglich versucht, ihnen mitzuteilen, dass ihr nichts passiert war. "Einer meiner ersten Gedanken galt der Sorge meiner Eltern", erzählt sie. Zum Glück habe aber unmittelbar nach dem Erdbeben das Internet noch funktioniert. Über das Online-Netzwerk Facebook habe sie dann Kontakt mit einer befreundeten Kollegin in Nairobi aufgenommen, die danach gleich ihre Eltern in Geltorf informiert habe. "Tatsächlich haben wir großes Glück gehabt", erinnert sich Jean Gardy Marius an die dramatischen Stunden nach der Katastrophe, die er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin erlebte.

Bis sie allerdings realisierten, wie schlimm die Ausmaße des Erdbebens wirklich waren, vergingen noch Stunden. "Rund um das Büro der Diakonie waren die meisten Häuser heil geblieben. Erst, als wir eine verletzte Frau ins Krankenhaus bringen wollten, wurde uns klar, was passiert war", erzählt der Arzt, dessen Schwester bei dem Beben ums Leben kam. Vor der Klinik hätten Tausende von verletzten Menschen gelegen und geschrien, erinnert er sich. Eine Behandlung durch Ärzte sei "völlig unmöglich" gewesen. Einen Tag später, bei einer Fahrt durch die völlig zerstörte Hauptstadt, hätten dann überall Leichen gelegen. "Alles war total chaotisch, eine extrem Adrenalin geschwängerte Situation", sagt Astrid Nissen, die selbst auch viele Freunde und Bekannte bei der Katastrophe verloren hat. "Am Ende weiß man gar nicht, um wen man als erstes weinen soll", sagt sie.

Die folgenden drei Monaten bedeuteten für das Paar dann 18 Stunden Arbeit pro Tag, die Wochenenden inklusive. "Wir haben uns gesagt: Die Toten sind tot, aber es gibt hier verdammt viele Menschen, denen wir helfen können", erzählt Astrid Nissen. Deshalb haben sie die Ärmel hochgekrempelt und angepackt. "Wir haben viele gute Entscheidungen getroffen", sagt sie zur Arbeit der Diakonie-Katastrophenhilfe, die seit dem Erdbeben rund 15 Millionen Euro an Spendengeldern für Haiti bekommen hat. 200 feste Häuser habe die Organisation seitdem errichtet. "Wir wollten nicht erst auf Übergangslösungen setzen, sondern gleich mit dem Wiederaufbau beginnen", erklärt Nissen.

Auch Medienpräsenz ist wichtig

Insgesamt aber gingen die Fortschritte bei den Hilfsmaßnahmen ein halbes Jahr nach der Katastrophe "leider äußerst schleppend voran". Viele Helfer, die spontan angereist waren, seien mit der Situation überfordert gewesen. "Die Leute kannten sich nicht aus, konnten oftmals kein Französisch sprechen und liefen planlos umher", berichtet sie. Deshalb sei es zu falschen Berichten in der Presse gekommen, dass die Bevölkerung aggressiv auftrete. Nissen: "Die Leute wollten einfach nur Hilfe, konnten mit den Helfern aber nicht kommunizieren. Da ist es doch klar, dass einige nervös werden."

Sie selbst habe nur an einem Tag die Nerven ein wenig verloren. "Nach einer Woche hatte ich meinen Tiefpunkt, weil einfach nichts so funktionierte, wie wir uns das vorgestellt hatten", sagt Astrid Nissen. Ansonsten habe sie aber stets versucht, einen kühlen Kopf zu bewahren. Für die deutschen Medien war und ist sie auch deshalb ein beliebter Interviewpartner. Von den Tagesthemen über das Heute-Journal bis hin zum Deutschlandradio und NDR-Info: Überall war die Geltorferin plötzlich zu sehen und zu hören. Zwar hätte sie auf diese Berühmtheit gerne verzichtet, "aber das gehört auch zum Job - zumal es mir nichts ausmacht, vor der Kamera zu stehen. Die Leute mussten doch informiert werden, das ist wichtig für die Spendenbereitschaft."
www.diakonie-katastrophenhilfe.de

www.osapo.org

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