Schiffbau in Flensburg : Koalition gegen das Lohndumping

Gern gesehen: Qualität aus Flensburg,die künftig ohne prekäre Arbeitsverhältnisse auskommen will.
1 von 2
Gern gesehen: Qualität aus Flensburg,die künftig ohne prekäre Arbeitsverhältnisse auskommen will.

FSG und IG Metall vereinbaren Tarifvertrag zu Werkverträgen - Transparenz und faire Verhältnisse auch für Beschäftigung von Leiharbeitern.

shz.de von
29. Mai 2015, 08:00 Uhr

Zwei bedeutende deutsche Werften setzen Maßstäbe. Nach der Meyer-Werft in Papenburg bekannte sich gestern auch die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft zu fairen Arbeits- und Entlohnungsverhältnissen für Beschäftigte mit Werkverträgen. Ulf Bertheau, Geschäftsführer der FSG, und Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste, setzten gestern ihre Unterschriften unter einen Tarifvertrag für Werkverträge, der soziale Mindeststandards für die Beschäftigten und starke Kontrollmöglichkeiten für den Betriebsrat festschreibt. Damit setzen die Flensburger und die Papenburger Werft Zeichen in der Branche.

Beide Unternehmen hatten auf dem Weg zu diesen betrieblichen Regelungen ihr Aha-Erlebnis – die Papenburger zu allem Unglück ein tödliches. Zwei rumänische Werftarbeiter waren im Sommer 2013 beim Brand einer mit osteuropäischen Leiharbeitern vollgepferchten Massenunterkunft ums Leben gekommen. In Flensburg wandten sich Ende März drei griechische Leiharbeiter über Michael Schmidt, den Ersten Bevollmächtigten der IG Metall, an die Öffentlichkeit. Was an der Ems und an der Förde ans Tageslicht kam, unterschied sich nicht groß voneinander. „Wir haben feststellen müssen, dass bei uns Menschen unter Bedingungen gearbeitet haben, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen“, stellte Ulf Bertheau fest. „Wir haben diese Vereinbarung in der Erwartung geschlossen, dass es so etwas nicht wieder gibt. Unsere Vertragspartner werden künftig schriftlich erklären müssen, dass sie die im Tarif vereinbarten Standards einhalten und überprüfen lassen.“

Bertheau war von dem Fall kurz nach der Übernahme der FSG durch die norwegische Siem Industries überrascht worden, hatte aber sofort eine Überprüfung angeordnet. Die Nachforschungen ergaben, dass ein FSG-Vertragspartner auf zwei nachgeordneten Ebenen 13 ausbeuterische Arbeitsverhältnisse unterhielt. Bertheau stellte klar, dass die FSG auf Werkverträge nicht verzichten könne. Die reguläre Belegschaft arbeitet mit 750 Menschen, in Spitzenzeiten können aber 1500 Menschen und mehr auf dem Werftgelände sein. „Das sind“, räumt Bertheau freimütig ein, „Leute anderer Firmen, die mit dem Bus ankommen und ihre Arbeit aufnehmen.“ Wie schwierig die Dokumentation der Arbeitseinsätze in Werkverträgen ist, weiß Michael Schmidt aus den drei Flensburger Fällen. „Sie sind einen vollen Monat auf der Werft gewesen, aber der Subunternehmer hat nur 70 Stunden abgerechnet. In dieser Kettenstruktur ist eine transparente Arbeitszeiterfassung sehr, sehr schwierig.“ Die drei griechischen Leiharbeiter, lobt er, hätten durch Vermittlung der FSG mittlerweile in Flensburger Betrieben Festanstellungen bekommen.

Es ist erst ein Anfang, aber die beiden Metaller sind sichtbar zufrieden, eine Kursänderung in Richtung fairer Arbeitsverhältnisse mit zwei Flaggschiffen der Branche vereinbart zu haben. Gleichwohl fordert Geiken mehr Unterstützung durch die Politik. „Die Bundesregierung muss die angekündigte Regelung zur Bekämpfung von Missbrauch bei Werkverträgen zügig umsetzen.“ Bertheau, seit Anfang der Woche Vorstandsmitglied des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik, will in der Branchenorganisation für faire Regelungen werben. „Diese Fragestellungen werden wir dort diskutieren“, kündigte er an. Wettbewerbsnachteile zu Lasten der deutschen Betriebe fürchtet er nicht. Deutsche Werftbauten sind diesen Preis wert, lässt der SG-Geschäftsführer selbstbewusst durchblicken. „Wer glaubt, bei diesen hochkomplexen Spezialschiffen die Ecke abzuschneiden und über Sub-Subunternehmen zu sparen, liegt falsch. Wir fertigen hier Hightech-Vorzeigeprodukte. Dagegen ist ein Airbus auch ganz nett.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen