Urteil in Flensburg : Knapp 1,3 Millionen Euro geklaut: Vier Jahre Haft für NOB-Angestellten

Dank aufmerksamer Zugbegleiter und dem schnellen Handeln der Polizei konnte das alleinfahrende Mädchen in Elmshorn abgefangen werden.

Der Angeklagte hat seinem ehemaligen Arbeitgeber, der Nord-Ostsee-Bahn, großen finanziellen Schaden zugefügt.

Der Mann hat insgesamt 282 Diebstähle begangen. Dazu manipulierte er das Automatensystem.

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28. März 2017, 13:50 Uhr

Flensburg | Wegen des Diebstahls von 1,3 Millionen Euro bei der Nord-Ostsee-Bahn (NOB) hat das Flensburger Landgericht einen früheren Angestellten zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. „Bei der NOB fehlt viel Geld, und bei Herrn H. ist viel Geld angekommen, von dem wir nicht wissen, wo es herkommt“, sagte der Vorsitzende Richter Mathias Eggers zum Ergebnis des Indizienprozesses.

Das Gericht sah es am Dienstag daher als erwiesen an, dass der Systemadministrator von 2006 bis 2011 insgesamt 282 Mal Geld aus zwei Einzahlungsautomaten genommen hatte, in die Zugbegleiter ihre Einnahmen von Fahrgästen und die Zahlungen von Schwarzfahrern deponierten. Im Verfahren hatte die Kammer den 45-Jährigen per Ausschlussprinzip identifiziert - und nun wegen schweren und gewerbsmäßigen Diebstahls verurteilt.

Die Taten waren lange nicht aufgefallen, da das Geld aus den Automaten von einem Geldtransport-Unternehmen abgeholt worden war - und die quittierten Summen nicht mit den Einzahlungen der Kontrolleure überprüft worden waren. „Der Täter muss die Lücke im Abrechnungssystem kennen (...) und wissen, dass dieser Abgleich nicht stattfindet“, sagte Richter Eggers.

In der aufwendigen Verhandlung, die wegen eines Beweisantrags von 2015 bis 2017 ausgesetzt worden war, hatte ein Gutachter versucht, die Spur des aus Einzahlungsautomaten entwendeten Geldes nachzuzeichnen. „Die Wiederherstellung war praktisch in keinem Fall komplett. Die Dateien waren häufig überschrieben“, sagte der IT-Experte.

Der Gutachter analysierte Systemdateien auf den Festplatten der Automaten, konnte aus der jüngeren Vergangenheit aber nur noch sehr wenige Verdachtsfälle ausmachen. Das Gericht geht davon aus, dass die Dateien absichtlich gelöscht wurden. Immerhin habe der Gutachter noch einige Fälle gefunden, die darauf schließen ließen, wie H. an das Geld gelangt war, urteilte die Kammer.

Stutzig machte die Richter auch die mehr als eine halbe Million Euro, die bei H. gefunden worden war - in zahlreichen kleineren Summen bar aufs Konto eingezahlt. Hinweise auf eine legale Herkunft des Geldes gebe es keine. Hinzu kamen weitere verdächtige Ausgaben für Urlaub, Auto oder Handwerker. H. selbst schwieg zu den Vorwürfen.

„Es wurde ihm leicht gemacht, die Taten zu begehen“, gestand Richter Eggers mit Blick auf die fehlende Überprüfung der Einzahlung dem Mann zu. Gleichzeitig, so hatte es die Staatsanwältin formuliert, habe er eine hohe kriminelle Energie besessen, indem er das System absichtlich über einen so langen Zeitraum überlistet und hohe Beträge entnommen hatte. Sie beantragte vier Jahren und drei Monate Haft.

Zunächst war sie von 285 Taten ausgegangen, drei wurden noch im Prozess eingestellt. Mit dem Geld habe sich der Angeklagte, der unter anderem für einen Hauskredit und den Unterhalt seiner Ex-Frau zahlen muss, ein ordentliches Zusatzeinkommen verschafft.

Der Verteidiger will gegen das Urteil, nach dem sechs Monate der Freiheitsstrafe wegen der langen Verfahrensdauer seit Anklageerhebung 2013 bereits als verbüßt gelten, Revision beim Bundesgerichtshof einlegen. „Es gibt keinen Beweis“, sagte er. Sein Mandant versichere weiter, er sei unschuldig.

Niemand, auch nicht sein Mandant, habe Zugriff auf die Schlüssel von sowohl Automat als auch der darin gelagerten Geldkassette gehabt, sagte der Anwalt. Einzelne der vorgeworfenen Taten hätte er wegen einer Auslandsreise oder eines Klinikaufenthalts zudem gar nicht begehen können. Die Kammer bewertete beide Punkte jedoch anders.

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