Sanierte Schulen : Klimaschutz macht schlechte Luft

High-Tech in der Schule Engelsby: Hausmeister Joachim Semrau (49) erklärt, wie sich das Fenster wie von Geisterhand öffnet. Foto: Marcus Dewanger
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High-Tech in der Schule Engelsby: Hausmeister Joachim Semrau (49) erklärt, wie sich das Fenster wie von Geisterhand öffnet. Foto: Marcus Dewanger

In vielen Flensburger Klassenzimmern findet kaum noch ein Luftaustausch statt. Wegen hoher CO2-Werte schlägt jetzt auch der Amtsarzt Alarm.

shz.de von
21. April 2012, 04:08 Uhr

Flensburg | Macht Flensburgs Klimapakt Flensburgs Schüler krank? Ganz so drastisch will es Amtsarzt Dr. Martin Oldenburg nicht formulieren. Doch die intensiven baulichen Bemühungen bei der energetischen Sanierung vieler Schulgebäude haben eine gravierende Kehrseite, wie der Mediziner auf der jüngsten Sitzung des Bildungsausschusses verdeutlichte.
Um Energie zu sparen, wurden und werden in Schulen moderne, sehr gut dichtende Fenster eingebaut. Bei geschlossenen Türen wird so ein natürlicher Luftaustausch nahezu unterbunden. "Früher erfolgte ein Austausch der kompletten Raumluft in etwa zwei Stunden", so Oldenburg - durch Ritzen und kleine Öffnungen. "Heute dauert es zwei Tage." Dadurch, so der Arzt, "reichern sich Krankheitserreger, Allergene und Schadstoffe in der Raumluft an, was zu einer Belastung der Schleimhäute führt."
Naphtalin oder Schimmel-Gase können nicht entweichen
Als Indikator für die Belastung von Raumluft gilt der CO2-Gehalt; als noch unbedenklich gilt ein Wert von 1000 ppm (parts per million). Die Gesundheitsdienste der Stadt haben an einer repräsentativen Auswahl von Schulen Messungen vorgenommen. Ergebnis: Der Wert von 1000 ppm CO2 wird meist nach 20 Minuten erreicht und überschritten und danach bis Unterrichtsende nicht wieder unterschritten.
Welche Schadstoffe und Allergene in der Luft vorhanden sind, wurde nicht ermittelt. Oldenburg erwähnte beispielhaft Naphtalin, das aus dem Teer unter dem Estrich der damals noch nicht sanierten Osbekschule gefunden worden war. Gelegentlich müsse in der Raumluft mit Schadstoffen aus Klebern gerechnet werden; allerdings achte die Stadt sehr auf die Auswahl der verwendeten Stoffe. Auch Schimmel-Gase können zu Problemen führen, ebenso wie Pollen, die Schüler in ihrer Kleidung in den Klassenraum tragen. In Gettorf, so Oldenburg, konnte das Rathaus mehrere Woche nach der energetischen Sanierung nicht benutzt werden, da die Luft stark belastet war.
Kontrollierte Lüftungsanlagen sind teuer
Ein probates Mittel, um das Problem zu lösen, ist das Lüften. Das ist aber in vielen Schulen offenbar leichter gesagt als getan. "Querlüften ist in manchen Räumen nicht möglich", sagte Oldenburg. Manche Fenster könnten nicht geöffnet werden, weil sie Griffe haben oder durch abgestelltes Material blockiert seien. Andere dürften wegen Unfallgefahr nicht geöffnet werden. An der Fridtjof-Nansen-Schule wird in einem Praxistest zweier Klassenräume verglichen, welche Methode der Lüftung die bessere ist: von Hand oder elektronisch gesteuert.
Denn auch das gibt es in Flensburg: Fenster, die sich automatisch öffnen, wenn ein bestimmter CO2-Wert in der Luft erreicht ist. "Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis die Fenster nachjustiert waren", berichtet Götz Buchgeister, Leiter der Schule Engelsby. Doch mittlerweile könne man positive Erfahrungen mit automatisch öffnenden Fenstern vorweisen. Die Ausrüstung der Klassenräume mit kontrollierten Lüftungsanlagen ist teuer: 25.000 Euro koste eine Anlage.
"Es geht um die Gesundheit der Schüler und Lehrer!"
Die Mitglieder des Ausschusses reagierten betroffen, hatten aber keine Patentrezepte. Zihni Gülgen (Linke) reagierte emotional: "Es geht um die Gesundheit der Schüler und Lehrer!" Wenn man zu hohe Kosten ins Feld führe, dürfe man Folgekosten durch Krankheiten nicht außer Acht lassen.
Als weiteres Problem nannte Oldenburg das "Nachhallverhalten" in den Klassenräumen. 80 Prozent aller Räume hätten eine zu lange Nachhallzeit, die zu einer akustischen Belastung und verschlechterten Lernbedingungen führe. Ab zweiter Sitzreihe sei die Hörleistung eines Kindes mit der eines hörbehinderten Kindes vergleichbar.

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