Zwischen Texas und Flensburg : Kindheit wie im Paradies

Familientreffen bei Flensburg-Wetter: Das Haus in Solitüde war und ist Treffpunkt für alle.
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Familientreffen bei Flensburg-Wetter: Das Haus in Solitüde war und ist Treffpunkt für alle.

Deutsch-amerikanische Familie verbringt seit Jahrzehnten mindestens den Sommer in Solitüde – von ihr stammt der Name Schöne Aussicht

shz.de von
13. Juli 2015, 15:30 Uhr

Ihr Urgroßvater hieß ursprünglich Georg Wieczorkiewicz, weiß Inga Markovits und ergänzt: „Kein Wunder, dass er seinen Namen änderte und dass er an genauem Buchstabieren interessiert war.“ Das ging so weit, dass er eine Schreibmaschine konstruieren ließ, die drei Varianten des Buchstaben „s“ kannte, erzählt Markovits. Die fanden später auch Anwendung im Straßenschild für die Schöne Aussicht. Der Name der Straße in Solitüde, so geht die Legende in der Familie, „stammt von meiner Großmutter.“ So sagt es Inga Markovits. Wahrscheinlich sei das eine Reaktion darauf gewesen, vermutet sie, dass damals vieles „Bellevue“ benannt wurde.

Mit dem Haus und Garten mit der schönen Aussicht auf die Förde verbinden die Norddeutsche und unzählige Familienmitglieder von Bruder bis Vetter Erinnerungen – und Geschichten. Geboren ist die 78-jährige Rechtswissenschaftlerin in Kiel, gefühlt aber kommt sie aus Flensburg. Sie sei so viel umgezogen mit ihrer Familie, da habe sie sich eine Heimatstadt aussuchen müssen. „Ohne Zögern fiel meine Wahl auf Flensburg.“ Hier in Solitüde ist Inga Markovits aufgewachsen, hier hat sie wie ihre Kinder und Enkel heute unbeschwerte Zeiten „wie in einem Paradies“ verbracht. Auch deshalb kehrt sie jedes Jahr aus Texas nach Hause zurück, und immer kommen dann Kinder, Enkel und andere Verwandte aus aller Welt hinzu, um sich wiederzusehen.

Das einzige Jahr, in dem die Familie im Sommer nicht nach Flensburg reiste, war 1979. Denn damals im Juli seien die Zwillinge Julia und Rebecca zur Welt gekommen, erklärt die fünffache Mutter. Das Land an der Förde gehört der Familie seit Ewigkeiten. Der Urgroßvater oder Großvater hatte es gekauft. Ernst Karding, ihr Großvater, baute dann ein „Behelfsheim“, erzählt Markovits, „billig und schnell wegen der Wohnungsnot“. Ihr Großvater, erklärt die Juristin, habe nicht mehr Wieczorkiewicz geheißen, sondern Kewitscht. Ihm habe der Klang des Namen jedoch nicht gefallen, so dass er ihn bereits als junger Mann in „Karding“ änderte. Ernst Karding hatte Rechtswissenschaften in Freiburg studiert und wurde 1906 Stadtrat in Flensburg. In Solitüde baute er das Häuschen, das innen beinahe unverändert ist – mit Nischen in der Wand für Schränke und Schlafplätze. Das „Glashaus“ im Garten steht auch noch – die Großmutter hatte es sich gewünscht, „weil das Wetter so schlecht ist“.

Ihre Mutter sei Ende 1945 mit vier Kindern nach Schleswig-Holstein gekommen. Sie selbst, erinnert sich Markovits, sei in Flensburg zur Grundschule gegangen, manchmal barfuß, manchmal in Holzschuhen. Für kurze Zeit habe sie noch die Auguste-Viktoria-Schule besucht. „So schnell wie möglich haben wir immer unsere Hausaufgaben gemacht, und dann sind wir stromern gegangen.“ In der Umgebung erntete die Familie Korn, trug es in Schürzen, dann mit Säcken auf Rädern zur Mühle, um Mehl mahlen zu lassen. Für Kleidung wurde improvisiert, Kleider wurden beispielsweise aus Fahnen geschneidert. Und aus einem Liegestuhl und Zeitungen, so erinnert sich die Juristin, entstand ein Ball. „Spannend wurde es 1947, als die Förde zufror“, sagt sie. Die Kinder sprangen auf Eisschollen und stießen sich mit Bohnenstangen ab. Als das Eis geschmolzen sei, gaben die schmelzenden Ströme ein Steinbeil aus Feuerstein frei, erinnert sie sich.

1967 habe sie geheiratet – den Juristen Dick Markovits – und 1969 in Berlin promoviert. Ben Markovits, geboren 1973 im kalifornischen Palo Alto als drittes Kind nach Daniel und Stefanie, kennt diese Geschichten aus der Kindheit der Mutter und noch viele weitere: „über das Vergraben von Quallen im Sand am Strand von Solitüde und sich dann verstecken, so dass sie und ihre Freunde die Reaktionen der Leute beobachten konnten, die drauf traten.“ Oder, so erinnert er sich, wie sie eine Wurst in einer Hecke fand, die irgendein Soldat weggeworfen hatte, und wie die Kinder die Mutter dabei beobachteten, wie sie die Wurst briet und erst mal mit dem Onkel vorkostete, um zu sehen, ob sie noch genießbar war. Oder wie der Vater, ein Schiffbauingenieur, in Uniform nach Hause kam und an der Tür klopfte, sie aufmachte und rief: „Mutter, hier ist ein Soldat an der Tür, der aussieht wie Vater.“

Ben Markovits erzählt heute selbst Geschichten – auch über Flensburg. Er wuchs in Texas, London und Berlin auf, hat aber genau wie die anderen Kinder und viele Verwandten seine Sommer in Solitüde verbracht. Zu Hause wurde Deutsch genauso wie Englisch gesprochen, blickt er zurück. „Wir nannten das Mischmasch.“ Die fünf Geschwister untereinander nutzten, wenn Gäste da waren, Deutsch sogar als eine Art „private Sprache“. Heute lebt Ben Markovits in London und ist gewissermaßen professioneller Geschichtenerzähler – als Autor, Journalist und Dozent an der University of London, unter anderem für kreatives Schreiben.

Jüngst erschien ein Artikel über seine Kindheitserinnerungen an der Förde und legendäre Flensburger Butterbrötchen in der Reihe „intelligent life“ für The Economist. Das wichtigste Ritual damals betraf das Frühstück, heißt es darin. Am Ende der Schönen Aussicht lebte die Bäckerin, „die junge Frau Petersen“, die 75 war und so genannt wurde, um sie von der verstorbenen Frau Petersen zu unterscheiden. Butterbrötchen wie von der Bäckerin gibt es jedenfalls nicht mehr.

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