zur Navigation springen

Unbegleitet und minderjährig : Kinder auf der Flucht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rund 600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge hat Flensburg in diesem Jahr aufgenommen. Trägereinrichtungen nehmen sie in Obhut.

shz.de von
erstellt am 23.Nov.2015 | 19:06 Uhr

Flensburg | Ali ist 17, Nomade und nie zur Schule gegangen. Seine Flucht aus Somalia nach Europa dauerte neun Monate lang; er gelangte auf einem der Boote, von denen immer wieder welche im Mittelmeer kentern und hunderte Menschen das Leben kosten, nach Italien. Sein Bruder hat es nicht geschafft und starb in libanesischer Haft, hat Ali seiner Familie aus Leck erzählt, die für ihn die Vormundschaft übernommen hat. Und auch, dass sein Vater in einem äthiopischen Gefängnis sitzt, einem Nachbarland Somalias am Horn von Afrika. Seit acht Monaten lebt Ali in Flensburg und geht zur Schule. Inzwischen hat er sogar eine kleine Wohnung.

Die liegt in der Innenstadt, ganz in der Nähe eines der Häuser, in dem die Flexible Jugendhilfe Nord (FJN) insgesamt elf minderjährige Jungs aus Afghanistan, Eritrea, Iran, Irak und Syrien im Auftrag der Stadt in ihre Obhut genommen hat. Die Einrichtung unterhält seit Mai mehrere Standorte für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und erbringt Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Die Stadt habe seinerzeit einen neuen Träger gesucht, berichtet Tobias Werner, Geschäftsleiter der FJN. Innerhalb von drei Wochen habe man mit dem Sozialministerium, Flensburg und Gabor Sarkany alles Nötige veranlasst, geeigneten Wohnraum gesucht und mit neun Jugendlichen losgelegt, sagt der 52-jährige Werner und ist froh, dass er bei Sarkany auf offene Ohren stößt.

„Ich bin selbst Ausländer“, sagt der gebürtige Ungar, dem seit 1999 die Firma Ohm und Meyer für Immobilien und Hausverwaltung gehört. Drei Viertel seiner Mieter seien ausländischer Herkunft, sagt Sarkany und betont: „Bei uns kriegt jeder eine Chance.“ Er fährt gut damit, habe bislang „keine einzige Beschwerde von anderen Mietern“ vernommen. „Ich glaube an die Integration der Jugendlichen“, sagt der ehemalige Lehrer, der über Handball und Dänemark nach Flensburg kam.

Die FJN beschäftigt 25 Vollzeitkräfte in Flensburg, darunter Sozial- und Diplom-Pädagogen, Ergotherapeuten, Erzieher, aber auch ergänzend Nicht-Fachkräfte, erklärt Tobias Werner. Einige der Jugendlichen seien hoch traumatisiert, und wenn es denen in der Nacht schlecht ginge, müsse jemand da sein.

Insgesamt seien 60 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Obhut der FJN, weiß der pädagogische Leiter Michael Wulff. Die meisten seien 16 oder 17. „Ich habe noch nie so ehrgeizige junge Menschen erlebt“, lobt Wulff. Er erzählt, dass die Jungs freiwillig in die Bibliothek gehen, um zu lernen, und schon mal Tränen fließen, wenn die Schule ausfällt. Das pädagogische Konzept beinhalte unter anderem einen individuellen Hilfeplan.

Gemessen am Konfliktpotenzial scheint sich Wulff fast selbst zu wundern, wie friedlich das Miteinander funktioniert im Haus, in dem jeder sein Zimmer hat und Gemeinschaftsräume zur Verfügung stehen. Mindestens einmal am Tag werde gemeinsam gekocht und gegessen, das diene dem Kennenlernen, der Selbständigkeit und auch der Kontrolle, wie es allen geht.

„Ihm fehlt die Familie“, weiß Alis Vormund Carmen Westergaard, die in der Verwaltung der FJN arbeitet. Aber inzwischen wisse er, dass er mit seiner Familie über alles reden kann. „Er will alles gut machen“, sei höflich und wissbegierig. Und er macht sich Gedanken über die Zukunft. „Müllabfuhr“ oder „Mechaniker“, das könnte er sich beruflich vorstellen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen