Grippesaison : Keine Tests mehr - "Das Virus ist rum"

Alle wollen den Impfstoff Pandemrix – Dr. Martin Oldenburg hat ihn. Er und seine Kollegen führen sogar Impfungen im Flensburger Gesundheitsamt durch. Foto: STaudt
Alle wollen den Impfstoff Pandemrix – Dr. Martin Oldenburg hat ihn. Er und seine Kollegen führen sogar Impfungen im Flensburger Gesundheitsamt durch. Foto: STaudt

Die Fälle von Schweinegrippe haben sich in der letzten Woche landesweit verdoppelt. Trotzdem verzichten Flensburgs Ärzte auf Tests zum Nachweis der Erreger.

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12. November 2009, 11:22 Uhr

flensburg | 15 Fälle von Schweinegrippe sind derzeit in Flensburg aktenkundig. Regine Gabriel ist keiner davon. Und sie will es auch nicht werden. Deshalb lässt sie sich impfen. Allerdings gibt es da ein Problem. Ihr Hausarzt hat eine Warteliste von 300 Patienten - und keinen Impfstoff. Der soll Freitag kommen, vielleicht auch erst nächste Woche.
Und noch ein Problem bewegt die Lehrerin. Ihre Klasse an der Käte-Lassen-Schule, einst mit der stolzen Zahl von 25 Schülern gesegnet, ist auf elf geschrumpft. "Der Rest", sagt sie, "liegt mit Fieber oder Grippe-ähnlichen Symptomen im Bett."
Abgewiesen vom Kinderarzt
Darunter ist auch ein 12-Jähriger, der am Wochenende erkrankte. Die besorgten Eltern riefen Montag früh einen Kinderarzt an. Dort seien sie jedoch abgewiesen worden. Es hieß, der Junge solle eine Woche zu Hause bleiben. Ein Test sei nicht vonnöten.
Der Vater war empört und suchte einen zweiten Facharzt für Pädiatrie auf. Dort wartete man in einem Séparée auf einen Schnelltest auf das Virus H1N1. In der Tat wurde ein Grippeerreger festgestellt. Ob es sich um die Schweinegrippe handelt, werde erst nach Laborergebnissen und einem zweiten (PCR-)Test feststehen. Dem Schüler wurde Tamiflu verabreicht.
In der Regel soll auf Tests verzichtet werden
In einer anderen Klasse, berichtet die Lehrerin weiter, gebe es ein Kind mit einer ausgeprägten Immunschwäche. Es ist besonders anfällig gegenüber Krankheitserregern. Doch auf ärztlichen Rat hin dürfe es nicht geimpft werden. "Dabei heißt es doch auch, gerade Risikogruppen mit Vorerkrankungen sollten sich prophylaktisch eine Spritze verpassen lassen." - All diese Erfahrungen beunruhigen Regine Gabriel. Sie hofft, dass sich der Erregerstamm in ihrer Klasse nicht ausbreiten wird. "Gott sei Dank nehmen es die verbliebenen Kinder noch relativ gelassen."
Ihre Vermutung, das Gesundheitsamt habe an die niedergelassenen Ärzte die Empfehlung ausgegeben, auf Tests in der Regel zu verzichten, wird von dessen Leiter Dr. Martin Oldenburg bestätigt. Zwar dürfe ein Fall nicht telefonisch abgewickelt werden ("Man sollte schon untersuchen"), aber es sei nicht angezeigt, den Erreger bei jedem einzelnen Patienten durch einen Test nachzuweisen. Oldenburg spricht von so genannten Index-Fällen, die stichprobenartig ermittelt werden und anzeigen: Die Krankheit ist angekommen - "das Virus ist rum".
15 bestätigte Fälle - nur die Spitze des Eisberges
Dieses Vorgehen sei epidemiologisch durchaus üblich. In Flensburg habe sich gezeigt, dass es sich bei jeder der untersuchten Index-Gruppen tatsächlich um die Schweinegrippe gehandelt habe. Bei der besagten Klasse an der Käte-Lassen-Schule sei nichts anderes anzunehmen.

Die bislang 15 bestätigten Fälle sind nur die Spitze des Eisberges - die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Verdachtsfälle gibt es an mehreren Schulen, alle Altersgruppen sind betroffen. Nach Auskunft der Stadt musste jedoch noch keine Schule oder Kindergarten geschlossen werden. Nur in der Kita Sol-lie gab es eine temporäre Notsituation wegen Krankheitsfällen bei den Mitarbeitern.
Impfen wird zur Geduldsprobe
Wer sich impfen lassen will, muss Geduld mitbringen. In der Praxis von Dr. Walter Jesinger ist zumindest der Impfstoff vorhanden. "Den zu bekommen, muss man sich aber schon bemühen", sagt der Arzt, der täglich zehn Fälle behandelt. "Mehr schaffen wir nicht." 50 Flensburger stehen auf seiner Warteliste, das Informationsdefizit ist groß.
Vielfach wird vorbeugend Tamiflu verschrieben. Das Medikament verkürzt die Krankheitsdauer (um einen Tag) und die Ansteckungsgefahr. "Die Pandemie lässt sich nicht mehr eindämmen - im Prinzip sind wir ungeschützt", sagt Oldenburg, der einen schwierigen Spagat vollziehen muss: Er will nicht bagatellisieren, muss aber gleichzeitig Panik vermeiden.

Doch Fakt bleibt: Die Fälle von Schweinegrippe haben sich in der letzten Woche landesweit etwa verdoppelt. Und es gibt einen weiteren Aspekt: Die Viren sind sehr veränderungsfreudig. "Uns könnte", warnt Oldenburg, "ein hochpathogenes Virus erst noch bevorstehen."

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