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Fusion: Krankenhaus und Gesundheit in Flensburg : Keine Chance für eine große Klinik?

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ehemalige Chefärzte von Diako und Franziskus fordern ein einziges, gemeinsames Krankenhaus und üben Kritik an Unbeweglichkeit der Träger

shz.de von
erstellt am 15.Apr.2017 | 06:13 Uhr

Seit 143 Jahren leben die beiden Flensburger Krankenhäuser in einer Art evangelisch-katholischer Koexistenz mitten im heute dicht bebauten Innenstadt-Bereich. Waren sie früher jahrzehntelang Konkurrenten, kooperieren sie seit 2006 in einem funktionierenden Verbund, teilen die wichtigsten Disziplinen auf, betreiben gemeinsame Einrichtungen. Den letzten Schritt haben sie nie gemacht und auch nicht ernsthaft in Erwägung gezogen: ein großes Krankenhaus in gemeinsamer Trägerschaft zu errichten. Mit Zusage der Finanzierung zweier Neubauten auf den bestehenden Grundstücken zementieren das Land und beide Träger die Trennung auf Jahrzehnte hinaus.

Dabei haben diejenigen, die vor über zehn Jahren den Verbund initiiert hatten, schon damals für die große Lösung plädiert: die Chefärzte von Diako und Franziskus-Hospital, darunter die früheren Ärztlichen Direktoren Ulrich Schroeder (Diako) und Karlheinz Doerwald (Franziskus). Sie befürchten, dass jetzt die letzte Chance für eine zukunftsweisende Lösung im Sinne der Bevölkerung vertan wird. Auf Anfrage des Tageblatts äußern sich vier Mediziner skeptisch und warnen vor einer „Zementierung der Zustände, die dann in 50 Jahren nicht geändert werden können“, so Henning Schmidt, früher Chefarzt der Neurochirurgie der Diako.

Die Mediziner sind unverdächtig, von persönlichen Interessen geleitet zu sein. Einzig die Sorge um eine optimale medizinische Versorgung der Bevölkerung veranlasst sie zu ihren kritischen Äußerungen. Zudem wissen sie besser als viele andere, wie die Arbeit im Verbund funktioniert und was er eben nicht leisten kann.

Schon 2006 sei es nicht gelungen, Verwaltung und Geschäftsführung zusammenzulegen; vor allem aber behielt jedes Krankenhaus damals seine Akutmedizin. Das führe dazu, dass Patienten, die in die Notaufnahme der Diako kommen, untersucht und notfalls auch „geparkt“ werden, bevor sie – wenn die Diagnose es erfordert – ins Franziskus transportiert werden müssen. Transporte zu Großgeräten in das eine (Franziskus, Strahlentherapie) oder das andere (Diako, MRT) führe zu einer „Verlegerei“, kritisiert Schroeder.

Karlheinz Doerwald, der erst 2016 in den Ruhestand ging, erinnert sich an ein Treffen aller Chefärzte beider Häuser vor rund sieben Jahren. „Alle waren für ein gemeinsames Krankenhaus“, so Doerwald. Vor der Etablierung des Verbunds sei über die Möglichkeit des Zusammengehens gesprochen worden. „Doch ein wirklich ökumenisches Krankenhaus – da sind beide Träger zurückgezuckt.“

Heute wollen beide Träger nicht mehr über das Thema sprechen. Dezidierte Fragen der Redaktion nach den Möglichkeiten eines gemeinsamen Hauses ließ die Malteser Norddeutschland gGmbH unbeantwortet und schickte stattdessen eine Stellungnahme zur „zukunftsweisenden Entscheidung des Sozialministeriums, den Klinikstandort des St. Franziskus-Hospitals mit einem hohen Millionenbetrag zu fördern“. Auch auf erneute Nachfrage blieben die Fragen unbeantwortet. Noch einfacher machte es sich die Diako: Rektor Wolfgang Boten verwies auf die „Antworten“ der Malteser, die man sich zu eigen mache. Keine weitere Stellungnahme.

Dieter Wrede, früher langjähriger Chefarzt der Unfallchirurgie, spricht Klartext: „Die Interessen der Träger stehen vor den Interessen der Bevölkerung.“ Das Argument, ein Krankenhaus gehöre ins Zentrum der Stadt, nennt er „hanebüchen“. Patienten kämen heute mit dem Auto ins Krankenhaus. Der Verkehr, den beide Häuser verursachen, führe zusammen mit den Hubschrauber-Anflügen zu einer starken Lärmbelastung der Wohnbevölkerung. Ein großes gemeinsames Krankenhaus, womöglich als Neubau am Stadtrand, hätte ein Einzugsgebiet von 430  000 Menschen und wäre für die meisten gut zu erreichen.

Henning Schmidt malt ein düsteres Szenario samt Lärm- und Schmutzbelastung, wenn er sich vorstellt, wie bei laufendem Betrieb der Diako die Altbauten abgerissen und dann ein neues Krankenhaus erbaut werden müsse. „Wir halten das für gefährlich für die Krankenhaus. Die Räuber in der Umgebung warten schon.“ Damit meint er andere Krankenhäuser in privater Trägerschaft. Schon der Bau der Frauen- und Kinderklinik neben der Diako in den 80er Jahren sei eine große Belastung gewesen.

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