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Flensburger Tageblatt

13. Dezember 2017 | 14:26 Uhr

Handewitt : Keine Angst vorm Defibrillator

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Nach der Spende von sieben Geräten können Handewitter für den Notfall üben – unsere Redakteurin hat es ausprobiert.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2017 | 18:55 Uhr

Handewitt | „Atemlos durch die Nacht“, tönt es durch den Versammlungsraum der Ellunder Feuerwehr. Ich knie auf dem Boden vor „Anna“ und versuche, sie mit einer Herzdruckmassage im Takt am Leben zu erhalten. „21, 22, 23“, zähle ich im Kopf, während Dieter Gösling mir zu verstehen gibt, dass ich ihren Brustkorb weiter nach unten drücken muss. „Am besten fünf Zentimeter tief.“ Während ich ihm zuhöre und es besser machen will, vergesse ich glatt, wie oft ich denn nun schon gepumpt habe. „Na toll“, denke ich mir, „zum Glück ist Anna nur eine Puppe.“

Zusammen mit zwölf weiteren Neugierigen will ich an diesem Abend den Umgang mit dem Defibrillator lernen. Insgesamt zehn kostenlose Kurse bietet die Gemeinde Handewitt an, nachdem sieben Geräte in den verschiedenen Ortsteilen aufgehängt wurden. „Das wichtigste Ziel dieses Abends ist, dass Sie die Scheu vor dem Gerät verlieren“, begrüßt Dieter Gösling vom DRK-Ortsverein seine Schützlinge.

„Scheu“ trifft es für mich ganz gut. Meinen letzten und einzigen Erste-Hilfe-Kurs habe ich zum Führerschein gemacht – vor fast genau 16 Jahren. Mein Wissen ist ziemlich eingerostet und daher der Mut bei einem Notfall gleich mit anzupacken, eher gering. Das möchte ich ändern. „Das geht vielen Menschen so“, sagt Dieter Gösling und verrät gleich, „dass wir uns heute nicht nur um die Bedienung des Defibrillators kümmern. Ein paar Dinge werden gleich mit aufgefrischt.“

Ein einmütiges Nicken in der Runde verrät mir, dass ich wohl nicht die Einzige bin, die sich unsicher fühlt. Doch bevor es richtig zur Sache geht, erklärt Gösling, was zu tun ist, wenn man einen bewusstlosen Menschen findet. „Ganz wichtig ist, nicht wegzugucken, sondern zu handeln“, sagt er eindringlich. „Und sprechen Sie das Umfeld an, denn Erste Hilfe ist auch immer Teamwork.“

Dabei sei das Absetzen eines Notrufs genau so wichtig wie die Stabilisierung des Patienten. „Überprüfen sie zunächst, ob die Person noch atmet“, sagt Gösling und zeigt gleich, wie das funktioniert. Herhalten muss ein Kursteilnehmer. „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“, heißt sein Motto. Er überstreckt den Kopf nach hinten, beugt sich hinunter und überprüft die Atemgeräusche. „Sehr gut, dieser hier atmet noch. Dann bringen wir ihn mal in die stabile Seitenlage. Der Defibrillator ist in dieser Situation überflüssig.“

Stabile Seitenlage? Da klingelt es bei mir. Während der Kursleiter jeden Schritt zeigt, kommt die Erinnerung zurück. „Ja, das könnte ich wohl anwenden“, bin ich mir nach einer weiteren Wiederholung sicher – Entspannung setzt ein. Doch diese ist nicht von Dauer. Denn nun geht es an den Defibrillator, der schon beim Auspacken ziemlich viel Krach macht. Womit ich nicht gerechnet habe: Das Ding kann sprechen und hört auch nicht wieder auf, bis man seine Anweisungen befolgt. „Alle Kleidungsstücke entfernen, falls nötig aufschneiden und Elektroden fest auf dem Brustkorb anbringen“, plärrt der kleine grüne Kasten, der nicht wirklich was mit den Geräten gemein hat, die man so aus diversen Arztserien und Hollywoodfilmen kennt.

„Und leider muss ich Sie enttäuschen“, sagt Gösling, „die Realität ist ganz anders. Wenn sie den Defi anwenden, können sie nicht damit rechnen, dass das Herz sofort wieder zu schlagen anfängt“. Daher sei es vonnöten bis zum Eintreffen des Notarztes die Herzdruckmassage durchzuführen. „Die sorgt dafür, dass das Blut weiter im Körper zirkuliert und das Gehirn mit Sauerstoff versorgt wird. Wir übernehmen damit manuell die Funktion des Herzens.“

Jetzt merke ich, wie uninformiert ich eigentlich bin. Hatte ich doch immer gedacht, dass diese Maßnahme dazu beiträgt, dass Herz in Gang zu setzen. Auch die weitere Information über die Wirkungsweise des Defibrillators hinterlässt einen kleinen Schock bei mir. „Mit der Anwendung des Gerätes stoppen wir das Herz und damit auch das gefährliche Kammerflimmern.“ Dann werde darauf gehofft, dass der Sinusknoten, der das Herz steuert, einen neuen Impuls gibt. „Beim Eintreffen des Notarztes werden dem Patienten zudem Medikamente verabreicht, die das Herz antreiben.“

Die Anwendung des Gerätes ist letztlich auch für Angsthasen wie mich ein Klacks. Zu zweit kümmern wir uns um „Anna“, mein Partner ist inzwischen mit der Herzdruckmassage an der Reihe – 30 Mal drücken, zwei Mal beatmen, immer wieder. Während er die Reanimation übernimmt, bringe ich die Elektroden an. „Herzfrequenz wird gemessen“, vermeldet der Defibrillator – dann: „Schock empfohlen.“ Der entsprechende Knopf für den Stromstoß blinkt hektisch auf. Nur kurz verharre ich in meiner Position, dann drücke ich ihn und hoffe, dass im Ernstfall Anna auch wirkliche eine Überlebens-Chance hat.

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