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Nach Suizidversuch : Keine Angst mehr vor dem Leben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jahre nach ihrem Suizidversuch wandte sich Birgit Dahlmann* an den Verein Lichtblick – er sollte helfen, das Vertrauen zu ihrer Familie wieder herzustellen.

Flensburg | Der Tod ihres Vaters und das Ende der ersten Beziehung 20 Jahre nach der Scheidung von ihrem Mann konnten Birgit Dahlmann* nicht umhauen. Auch wenn die 50-Jährige vor wenigen Jahren lebensmüde war. Sie sei nicht traurig, sondern analysierend, nah bei sich. Neudeutsch, sagt sie und lacht wie so oft, würde sie es so ausdrücken: „Ich bin safe.“ Dahlmann geht sogar weiter: Fünfeinhalb Jahre nach ihrem Suizidversuch betont sie mit dem Brustton der Überzeugung: „Ich bin glücklich, freue mich auf die Zukunft und habe keine Angst.“

Bis hierhin war es ein langer Weg. Einen Teil davon ist der Verein Lichtblick mitgegangen. Er hat auch eine Rolle bei der Bewältigung ihrer Lebenskrise gespielt, insbesondere aber dabei mitgewirkt, die Vertrauenskrise in der Familie zu überwinden. Ihren Kindern zuliebe hat Birgit Dahlmann die professionelle Hilfe der Krisenbegleiter in Anspruch genommen. Fast fünf Jahre nach ihrem Suizidversuch mit Schlaftabletten und Alkohol. Damals hatte ihr bester Freund Dahlmann zu Hause gefunden und Retter gerade rechtzeitig alarmiert, weil sie unerwartet wegblieb. Jedoch wies nichts darauf hin, dass sie zu Hause war, und dennoch schlug ein Hund in dem Mehrfamilienhaus wie verrückt an.

Ein paar Jahre später fielen Ereignisse zusammen, welche die Kinder an das Trauma des Suizidversuchs ihrer Mutter erinnerten: Ein trauriger Verlust, totale Erschöpfung, ein ausgestöpseltes Telefon, eine Schlaftablette und Stöpsel in den Ohren, damit sie besser schlafen kann, führten dazu, dass Familie und Freunde Birgit Dahlmann nicht erreichen konnten. Als diese schlaftrunken auf dem heimischen Sofa wieder zu sich kam, sah sie sich einer in Tränen aufgelösten Tochter und einem nicht minder betrübten Freund gegenüber. „Das hat mir gezeigt: Die Angst um mich ist so unermesslich groß; ich muss etwas tun, damit sie lernen, mir wieder zu vertrauen.“ Erst nach dem Schlüsselereignis wandte sie sich an den Verein Lichtblick, vorher sei sie nicht bereit gewesen, mit jemandem zu reden. Der Anruf bei der Einrichtung für Menschen in Lebenskrisen führte sofort zum ersten Treffen – „er muss meine Not gehört haben“, vermutet Dahlmann von ihrem Ansprechpartner.

„Ich habe mir recht schnell erklären können, was alles dazu geführt hat, bis ich nicht mehr weiter wusste“, sagt die vierfache Mutter, die aus dem sozialen Bereich kommt, aber heute „artfremd“ arbeitet. Sie habe immer als am belastbarsten gegolten – als Mutter und als Kollegin. Zugleich habe sie in ständiger Sorge gelebt, allen gerecht werden zu können. Jahre lang habe sie mit der Angst gelebt, Überstunden gemacht, um über die Runden zu kommen und den vier Kindern alle Wege offen zu halten. „Das war so eine Art Falle, immer die Starke zu sein“, hat sie erkannt. Schließlich fand sie sich in einem Kokon, „habe die Umwelt nicht mehr mitbekommen, keine Gefühle an mich rangelassen“.

Bei ihren wöchentlichen Gesprächen bei Lichtblick habe sie viel über sich gelernt, auch „nein“ zu sagen und „Ich bin jetzt dran“. Dort konnte sie reden oder weinen, weil niemand persönlich betroffen gewesen sei. Sie habe gelernt, dass sie Stärken und Schwächen habe. Bekam Hausaufgaben, sollte aufschreiben, was sie an sich mag. Das sei ihr anfangs schwer gefallen. Im November 2014 hätten ihr Krisenbegleiter und sie schließlich festgelegt, „dass ich ganz gut wieder laufen kann“. Einen „Rettungsschirm“ gibt es trotzdem: Beim Verein für Suizidprävention könne sie stets wieder Rat suchen. Obwohl es nicht so aussieht, als wäre das notwendig. Birgit Dahlmann: „Ich will wieder Mutter für meine Kinder sein, die ein Fels in der Brandung ist, ohne sich selbst aufzugeben.“

 

* Name von der Redaktion geändert

 

 

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erstellt am 11.Mär.2015 | 14:15 Uhr

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