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Selbstverteidigung für Frauen : Kein Platz für Hemmungen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Üben für den Ernstfall: Die Polizei bietet kostenlose Selbstbehauptungskurse an. Unsere Redakteurin Anja Christiansen ist mittendrin.

von
erstellt am 17.Okt.2014 | 11:47 Uhr

Flensburg | Hauen, beißen, kneifen – alles erlaubt, eigentlich sogar gewünscht. Ich bin zu Gast auf dem Polizeirevier in der Flensburger Neustadt. Und ich bin nicht allein. Rund 18 Frauen stehen mit mir in einem Raum, in dem normalerweise Polizisten trainieren, um sich fit zu halten und sich im Zweikampf besser behaupten zu können. Auch bei dieser Übungsstunde im Rahmen eines Selbstbehauptungskurses geht es darum, Angriffe abwehren zu können – im Idealfall noch bevor sie passieren. Wir beschränken uns jedoch auf angedeutete Schläge und kneifen nur zaghaft. „Ich tobe heute mit“ – so salopp sage ich es. In meinen Ohren klingt das besser als „ich versuche zu lernen, wie ich mich vor einem Angriff, einer Vergewaltigung schütze“. Dennoch: Es ist der Ernstfall, für den hier geübt wird.

Nach einer ersten Ansage des Trainers und Polizisten Jens Boysen suchen wir uns unseren „Gegner“ aus: Wir sollen uns in Zweiergruppen zusammenfinden, um heute die Abwehr im Liegen zu üben. Ich drehe mich zu meiner Linken. Da steht Hanne: jung, schlank und – auf den ersten Blick viel gravierender – etwa eineinhalb Köpfe kleiner als ich. „Oha“, denke ich mir. „Die Arme. Ob sie mich wohl durch die Gegend werfen kann?“ Und wehtun möchte ich ihr erst recht nicht.

Keine zehn Minuten später werde ich eines Besseren belehrt: Nachdem der Trainer uns gezeigt hat, was wir machen sollen, lege ich mich einmal quer über Hannes Bauch – sie soll versuchen, mich loszuwerden. Und mit der richtigen Technik gelingt es ihr viel schneller, als mir lieb ist: Sie rollt sich schwungvoll auf der orangefarbenen Wolldecke und ich rutsche mit einem Affenzahn von ihr herunter – und mit meinem Kinn ein Stück über den rauen Teppich. Autsch. Klassischer Fehler eines Täters: Ich habe Hanne unterschätzt. Ich glaube, unser Trainer hatte diese Schwachstelle in der Planung des Angreifers bereits erwähnt, aber wer nicht hören will, muss eben fühlen. Im wirklichen Leben hätte sie mir sicher anschließend noch einen heftigen Schlag verpasst – inzwischen traue ich ihr das zu.

Die Teilnehmerinnen wissen, wie sie einander zu nehmen haben – nach mehreren gemeinsamen Stunden sei man eine eingeschworene Gruppe, erklären sie mir. Am Anfang standen bei allen Bedenken, jemand Fremdem körperlich so nah zu kommen. Immerhin: Man legt sich aufeinander, tut so, als würde man einander würgen, hält sich gegenseitig fest. Und das mit vollem Körper- und Stimmeneinsatz.

Doch auch wenn das Training im Kreis dieser Frauen wie Spaß aussieht – und das macht es bei diesem Kurs scheinbar auch allen, mir auch – gibt es bei Mancher ernste Hintergründe für die Teilnahme an dem Kurs. In einer brenzligen Situation war fast jede schon einmal. Doch allein ein selbstbewusstes Auftreten und eine laute Stimme können bereits Wirkung zeigen, erzählt mir Eike. Im Urlaub habe sie einmal lautstark einen Mann enttarnt, der um sie herumschlich, als sie sonnenbadete. Sie fühlte sich unwohl – in ihrer Privatsphäre und ihrer Freiheit beschnitten.

Doch so aktiv zu reagieren wie Eike fordert den meisten Menschen viel ab. Von Kindesbeinen an ist man schließlich angehalten, nicht laut und aggressiv zu sein. Bloß nicht negativ auffallen und andere peinlich berühren. „Was man Jahrzehntelang nicht durfte, muss man jetzt wieder aktivieren“, sagt Boysen. Das fällt auch mir selbst schwer. Als wir gegen Kissen schlagen und treten sollen, die der Trainer festhält, drücke ich mich darum, ihn anzubrüllen. Einige andere hingegen schimpfen richtig los. Im Ernstfall sei der erste Impuls des Opfers zumeist die Flucht, erklärt Boysen. Doch damit rechne der Angreifer. Ihm hingegen aktiv begegnen – ob mit der Stimme, technischem Geschick oder gar körperlicher Gewalt –, damit könne das Opfer ihn in der Regel überraschen.

Nach rund zwei Stunden endet der Kurs – und ich bin voller Tatendrang. „Mit dem Partner sollte man nicht üben“, rät Boysen, als ich scherze, das Gelernte gleich noch einmal zu Hause testen zu wollen. Das könne zu Verletzungen führen – vielleicht hält der andere mit so viel Kraft fest, dass er bei der Abwehr der Frau tatsächlich quer durchs Zimmer fliegt und sich einer der beiden verletzt. Auch unter der Oberfläche brodelnde Krisen könnten da zu einer enormen Kraftentwicklung führen und mit blutender Augenbraue oder geprellten Rippen enden.

Meine Übungspartnerin Hanne hingegen besucht den Kurs gemeinsam mit ihrer Mutter. Ein Glück, denn diesen beiden ist also ein gemeinsames Üben zu Hause gestattet.

> In Zusammenarbeit mit dem Kriminalpräventiven Rat der Stadt Flensburg und dem Sponsor Orion findet der nächste kostenlose Kurs im Frühjahr 2015 statt. Teilnahme ab 16 Jahren. Trainiert wird in bequemer Alltagskleidung.

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