Küntscher-Straße wird Schervier-Straße : Kein Platz für Dr. Küntscher

25 Anwohner, unter ihnen Annette und Hellmuth Bock, hatten sich  gegen die Umbenennung der Küntscher-Straße ausgesprochen. Foto: gudo
25 Anwohner, unter ihnen Annette und Hellmuth Bock, hatten sich gegen die Umbenennung der Küntscher-Straße ausgesprochen. Foto: gudo

Bedenken wegen Nazi-Vergangenheit: Ausschuss beschließt Umbenennung der Gerhard-Küntscher-Straße in Schervier-Straße

shz.de von
05. November 2012, 06:16 Uhr

Flensburg | Die Gerhard-Küntscher-Straße auf dem Friesischen Berg heißt ab 1. Januar Schervier-Straße. Das beschloss nach monatelanger, zum Teil öffentlich geführter Diskussion der Planungsausschuss. Die Anwohner der kleinen Wohnstraße am Christiansen-Park hatten sich mit großer Mehrheit gegen die Umbenennung ausgesprochen. Den Anwohnern sollen durch die Änderung ihrer Adresse bei den Kontakten zu städtischen Dienststellen keine Kosten entstehen.

Seit 1983 ist die kleine Sackgasse nach dem Mediziner Gerhard Küntscher benannt, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Flensburg kam und hier seine letzte Wirkungsstätte fand. Küntscher war ein weltweit angesehener Arzt und in Flensburg bis zu seinem Tod 1972 auch ein angesehener Bürger. Ruhm erlangte er durch die Erfindung des Küntscher-Nagels, mit dessen Hilfe Knochenbrüche behandelt wurden.

Früh der NSDAP beigetreten


Vor rund einem Jahr wurde bekannt, dass er schon relativ früh der NSDAP und der SA beigetreten war, freilich ohne bei den Nazis Karriere zu machen. Allerdings soll er einen jüdischen Kollegen denunziert und auf diese Weise zur Emigration veranlasst haben. Diese neuen Erkenntnisse veröffentlichte zunächst das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt und in der Folge auch - im Sommer 2011 - das Flensburger Tageblatt; die Stadt nahm dies zum Anlass, über eine Umbenennung der Küntscher-Straße nachzudenken.

Nachdem zunächst vier Vorschläge für neue Namensgeber im Raum standen, reduzierte sich diese Zahl vor der Sitzung des Planungsausschusses auf die Hälfte: Kristiane Fischer (1896-1982) war eine Vertreterin im dänischen Büchereiwesen und der sozialhumanitären Arbeit der Minderheit. Franziska Schervier (1819-1878) war die Gründerin der Ordensgemeinschaft der Armen-Schwestern vom Heiligen Franziskus. Bei der Abstimmung sprachen sich sechs Mitglieder für Franziska Schervier als Namensgeberin und ein Mitglied für Kristiane Fischer aus. Für die Umbenennung im Grundsatz sprachen sich bei vier Enthaltungen sieben Vertreter aus.

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