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Flensburg nach tödlichem Rad-Unfall : Kehrt jetzt die Fahrrad-Ampel zurück?

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Unfallort war 2010 Testfeld für ein Radfahrer-Warnsystem. Die Stadt will das Projekt wieder prüfen.

shz.de von
erstellt am 06.Sep.2017 | 04:55 Uhr

Der tödliche Unfall eines 14-Jährigen am frühen Morgen des Montags auf der Kreuzung Schützenkuhle/Husumer Straße hat die Menschen in der Stadt erschüttert. Wie berichtet, war der Junge von einem Lastwagen erfasst worden, dessen Fahrer nach rechts in die Husumer Straße einbog und die Vorfahrt des Radfahrers missachtet hatte. Oberbürgermeisterin Simone Lange nimmt den tragischen Unfall zum Anlass, ein sieben Jahre zurückliegendes Projekt wieder zu prüfen. Zwischen September und November 2010 hatte an genau dieser Stelle der Prototyp einer Radfahrer-Ampel Unfälle genau wie diesen verhindern sollen. Danach wurde das System jedoch demontiert und ersatzlos gestrichen.

Die Radfahrer-Ampel hatte bundesweit für großes Interesse gesorgt und ihrem Erfinder Martin Budde immerhin den mit 25.000 Euro dotierten Erfinderpreis des Vereins „Flensburg Innovativ“ eingebracht. Budde, damals Dachdeckermeister in Flensburg, hatte eine Radarmessanlage mit einem blinkenden Warnsignal gekoppelt. Der Sensor erfasste den Verkehrsraum im toten Winkel der Kraftfahrzeuge und warnte per Blinklicht vor nahenden Radfahrern oder Fußgängern.

System war anfangs unzuverlässig

Budde räumt ein, dass die ersten Anlagen fehlerbehaftet und nicht immer zuverlässig gewesen seien, aber spätestens, seit er den weltweit führenden Hersteller von mobilen Verkehrssicherungsanlagen – Anlagenbau Nissen in Tönning – als lizensierten Fertigungsbetrieb gewinnen konnte, habe er über ein zuverlässiges effektives Warnsystem verfügt. „Leider hat das TBZ danach aber das Interesse verloren“, so Budde gestern. „Keiner in der Verwaltung war richtig dagegen, aber auch keiner dafür. Dann meinte die Polizei, die Kreuzung sei statistisch gesehen kein Unfallschwerpunkt, dann waren da noch viele Kostenbedenken – obwohl ich viele Sponsoren für viele solcher Anlagen an meiner Seite hatte“, sagt der Erfinder.

So warnte das System vor nahenden Radfahrern.
Achtung, Radfahrer im "Anflug". Foto: Gunnar Dommasch
 

So verschwand die Radfahrerampel auf dem Schuttabladeplatz der guten Ideen. „Wir hätten Flensburg als Referenz benötigt, um das Produkt bundesweit zu etablieren und weiterzuentwickeln“, so Budde. Er ist hundertprozentig überzeugt: „Unser System hätte diesen Unfall verhindert!“ Doch die Verwaltung blieb hart. Auch ein nur mit viel Glück glimpflich verlaufener Unfall ein halbes Jahr nach Ende des Versuchs brachte kein Umdenken. Im Juni 2011 geriet in einer identischen Situation ein 12-jähriger Radfahrer unter die Räder, überlebte mit einem Schock und leichten Blessuren. Die Stadt damals: „Die Kreuzung ist aus Sicht der Polizei kein Unfallschwerpunkt. Daran ändert auch dieser Unfall nichts.“

Polizist sieht Handlungsbedarf

Axel Dobrick ist Polizist und Radfahrer. Als Mitglied der Radfahrer-Lobby ADFC weiß er um die Brisanz der Abbiege-Unfälle. „Das führt sehr häufig zu Problemen“ , so Dobrick. Zum Leidwesen des ADFC seien Abbiege-Assistenzsysteme in LKW noch nicht einmal für Neufahrzeuge verpflichtender Standdard. Da sei man sich auf EU-Ebene noch uneins. Handlungsbedarf gebe es aber auch auf lokaler Ebene. Eine Stadt, die Klimaschutz und mehr Radwegesicherheit will, findet nach seinen Erfahrungen gute Vorbilder zuhauf in Dänemark und den Niederlanden. Dobrick findet auch, dass es höchste Zeit für diese Sicherheitsdiskussion sei, denn der Radverkehr nimmt zu und wird mit der steigenden Zahl von Pedelecs schneller und älter – auch, weil immer mehr Senioren dieses praktische Verkehrsmittel für sich entdecken. Simone Lange signalisierte gestern Abend nach einer Prüfung der Möglichkeiten, dass die Themen Verkehrsführung und andere Sicherungsinstrumente bald auf die Tagesordnung rücken werden.

Anlagenbauer Nissen in Tönning kann sich derweil immer noch vorstellen, mit fortgeschrittener Technik nochmals anzutreten. „Das kann für uns durchaus wieder Thema werden“, sagt Rainer Göttsche, Vertriebs-Chef für Deutschland. Der Preis für mehr Sicherheit an unsicheren Plätzen scheint im Spiegel dieses jüngsten schrecklichen Unfalls wohlfeil. Göttsche kalkuliert mit maximal 13.000 Euro für eine Ampel, die ein Leben retten kann.

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