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Plädoyers : Kassenschwund: Jetzt drohen vier Jahre Haft

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Plädoyer im Prozess gegen ehemalige Harrisleer Kassenleiterin: Staatsanwalt will Strafe, Verteidiger Freispruch

shz.de von
erstellt am 28.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Der letzte angeklagte Fall liegt fast neun Jahre zurück. Am 1. April soll Annemarie F. in der Harrisleer Kämmerei die letzte vorsätzliche Fehlbuchung zu ihren eigenen Gunsten vorgenommen haben. Die Anklage für insgesamt 210 gleich gelagerter Fälle zwischen 1999 und 2005 vor der 34. Strafkammer am Kieler Landgericht datiert vom Oktober 2010, die Plädoyers waren gestern. Während Staatsanwalt Thomas Feldmann die ehemalige Kassenleiterin wegen gewerbsmäßiger Untreue im Amt in einem besonders schweren Fall für vier Jahre und neun Monate hinter Gittern wissen will, forderte ihr Strafverteidiger Martin Unger Freispruch.

Weiter kann man nicht auseinander liegen. Die gegensätzliche Bewertung des mühsam aus Millionen von Buchungsvorgängen zusammengetragenen Beweismaterials begleitete den Indizienprozess seit dem ersten Verhandlungstag am 27. Oktober vergangenen Jahres. Während Feldmann gestützt auf anfangs 210 Einzelfälle das systematische Ausplündern der Barkasse-Bestände der Gemeinde als erwiesen betrachtet, kommt bei dem Flensburger Anwalt das genaue Gegenteil heraus. Nichts ist erwiesen. Das Geld ist immer noch da, und das mysteriöse „Kassenloch“ mit seiner Größe von 600 000 Euro ist lediglich eine Schimäre.

Beharrlich hatte Unger Zweifel zu säen versucht. Es reiche nicht aus, für den sicheren Beweis des Betruges von Millionen Buchungsvorgängen lediglich eine Stichprobe, einen Ausschnitt zu betrachten, hatte Unger während der Hauptverhandlung und zuletzt gestern in seinem Plädoyer gesagt.

Reiner Indizienprozess

Angesichts der damals anerkannt chaotischen Buchhaltung sei die Behauptung seiner Mandantin, sie habe so lange hin und her gebucht, bis alle Salden wieder stimmten, schlechterdings nicht zu widerlegen.

Unger hatte in diversen Anträgen versucht, die Kammer zum Bau einer breiteren Faktenbasis zu bewegen, war damit jedoch jedes Mal wieder gescheitert. Vergangene Woche hatte er aus dieser unbeugsamen Haltung noch einen Befangenheitsantrag an die gesamte Kammer abgeleitet, nachdem auch der gestern abgeschmettert worden war, blieb nur noch der Weg nach vorn. Plädoyer. „Und dann sehen, was zu tun bleibt“, meinte er. „Im Zweifel muss sich der Bundesgerichtshof mit dem Thema beschäftigen.“ Unger und Feldmann stimmten gestern überein, einen reinen Indizienprozess geführt zu haben. „In der Bewertung liegen wir halt extrem auseinander. “ Jetzt liegt die Bewertung bei der Kammer.

Sollte es zum Schuldspruch kommen, bekommt Annemarie F. vom Staat Rabatt. Sechs Monate einer zu verbüßenden Haftstrafe werden der Angeklagten wegen rechtsstaatswidriger Verfahrensverzögerung abgezogen, teilte Rebekka Kleine, Sprecherin des Landgerichts mit. Annemarie F., die von ihrer Unschuld so überzeugt war, dass sie den anfangs vorgeschlagenen Deal – verringerte Strafe gegen Geständnis – zurückwies, zeigte sich im Schlusswort der Angeklagten enttäuscht. „Ich habe gehofft, dass hier alles aufgeklärt wird.“

 

 

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