zur Navigation springen

Urteil in Kiel : Kassenleiterin muss ins Gefängnis

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ende der Harrisleer Kassenaffäre: Vier Jahre und zwei Monate Haft für Annemarie F. – die Gemeinde will 1,5 Millionen Euro zivilrechtlich einklagen.

shz.de von
erstellt am 31.Jan.2014 | 07:30 Uhr

Um 9.36 Uhr gestern Vormittag waren nach 21 Verhandlungstagen die letzten Zweifel beseitigt: Annemarie F. kam vor der 34. Strafkammer des Kieler Landgerichts mit ihrer Chaos-Theorie nicht durch. Die Folge: Vier Jahre und zwei Monate Haft für Untreue im Amt in einem besonders schweren Fall. Die Kammer um den Vorsitzenden Richter Dr. Felix Lehmann ist überzeugt, dass die suspendierte Beamtin die ihr anvertraute Gemeindekasse zwischen 2002 und 2005 systematisch ausgeplündert hat. Der finanzielle Schaden für die Gemeinde: 600 000 Euro. Mindestens.

Das Urteil kam wie ein Hammerschlag. Bis zuletzt hatte F. ihre Unschuld beteuert; das Geld sei im Zuge der Einführung einer neuen Verwaltungssoftware im Haushalt verschollen und nur noch nicht wieder aufgetaucht. Doch für Lehmann ist klar: Dieses Geld wird nicht wieder auftauchen. Jedenfalls nicht im Harrisleer Haushalt. Den Blick abwesend auf das Sprossenfenster gegenüber gerichtet, schien Lehmanns ausführliche Urteilsbegründung Annemarie F. gar nicht mehr zu erreichen.

Selbstschutz vielleicht. Nach einem komplizierten, kraftzehrenden Indizienprozess krachte an diesem Donnerstagmorgen immerhin ihre Verteidigungsstrategie zusammen. Für ihre Darstellung einer überforderten Beamtin in einer schlampig geführten und schlecht beaufsichtigten Finanzabteilung fand die Kammer keine Belege. Stattdessen gelangte das Gericht zu der Überzeugung, Annemarie F. habe vielmehr ein künstliches Chaos veranstaltet, um ihren Raubzug systematisch zu verschleiern. Versteckte Schwund aus der Bargeldkasse in Sammelbuchungen, egalisierte Differenzen zwischen Kassenbuch und Konto durch falsche Gegenbuchungen, um ihr eigentliches Ziel zu verschleiern: den regelmäßigen, den fast täglichen Griff in die Bargeldkasse. Die Kammer geht davon aus, dass ein Viertel, wenn nicht sogar die Hälfte der Barauszahlungen vom Sparkonto der Gemeinde privat bei Annemarie F. landeten. Jährlich. In Einzelbeträgen zwischen 500 und knapp 10 000 Euro.

Der Saldo für die erheblichen Differenzen, die sich im Haushalt auftaten, habe sich Jahr für Jahr vergrößert – und sei 2005 schließlich zur großen Gefahr für Annemarie F. geworden, davon zeigte sich Lehmann überzeugt. Am 8. August 2005, als die Software-Umstellung unmittelbar bevorstand, war sie anscheinend zum Handeln gezwungen. Es kam zu einer Doppelbuchung, in der zwei mal 1,2 Millionen Euro bewegt wurden, um nach Überzeugung der Kammer den durch den stetigen Griff in die Kasse entstandenen Gesamtschaden zu verschleiern, exakt 2 259 248,80 Euro.

F. hatte erklärt, diese Buchung auf Anordnung ihres damaligen, inzwischen verstorbenen Chefs vorgenommen zu haben, doch die Kammer fand dieses Argument unglaubwürdig. „Die Angeklagte musste fürchten, durch die Datenkonvertierung aufzufliegen“, ließ Lehmann keinen Zweifel. Immerhin: Schuldig war am Ende nicht nur Annemarie F., schuldig auch die Justiz, die ganze zwei Jahre und zehn Monate benötigt hatte, um die Hauptverhandlung zu eröffnen. Für die aus Überlastung der 34. Kammer rührende Verzögerung schrieb Lehmann der Angeklagten fünf Monate gut, die als abgesessen gelten.

Bürgermeister Martin Ellermann, der mit den Fraktionsspitzen der Gemeindevertretung zur Urteilsverkündung gekommen war, zeigte sich erleichtert. „Das war am Ende eine große Belastung, besonders die Zeit, in der nichts geschah.“ Die Gemeinde führt vor dem Schleswiger Verwaltungsgericht einen Prozess, um auf zivilrechtlichem Weg 1,5 Millionen Euro von ihrer untreuen Mitarbeiterin zu bekommen. Beamtin ist sie nicht mehr – mit dem Urteil büßt sie alle Privilegien unwiderruflich ein. Ob das Urteil aber schnell rechtskräftig wird, ist offen. Rechtsanwalt Unger kündigte an, in Revision zu gehen. Kommentar Seite 16

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen