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Gedenkstein Marineschule Mürwik : Kapitän Lüth: Der Stein des Anstoßes

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Historiker Gerhard Paul fordert anderen Umgang mit Gedenkstein für den NS-Kriegshelden und letzten Kriegskommandanten der Marineschule

shz.de von
erstellt am 01.Jun.2017 | 06:09 Uhr

Er hatte das Zeug zum Kriegshelden. Als U-Boot-Kommandant hat Kapitän zur See Wolfgang Lüth im Zweiten Weltkrieg fast 50 feindliche Schiffe auf nahezu allen Weltmeeren versenkt; dafür wurde er mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Später war er der letzte Kommandeur der Marineschule in der NS-Zeit. Seit fast 60 Jahren steht auf einem Rasenstück unter einer Eiche ein Gedenkstein für Lüth, der als glühender Nazi galt und kurz vor Kriegsende SS-Leute mit falschen Papieren versorgt haben soll, so dass diese untertauchen konnten. Jetzt regt sich Kritik an dem Gedenkstein, und die Marineschule äußert sich dezidiert dazu.

Vor dem Hintergrund rechtsradikaler Umtriebe in der Bundeswehr und jüngster Maßnahmen der Verteidigungsministerin gegen das Erbe der Wehrmacht in der Bundeswehr hat der Flensburger Historiker Gerhard Paul auf den Stein des Anstoßes, der ein relativ unscheinbares Dasein zwischen Marineschule und Sportschule fristet, aufmerksam gemacht. Zwar steht neben dem Stein auf einer kleinen Tafel ein Text, der verdeutlicht, dass Lüth heute für die Bundeswehr kein Vorbild mehr sein kann – aber nicht, wofür er steht und was er getan hat. Das könnte sich jetzt ändern.

Für Kay-Achim Schönbach, heutiger Kommandeur der Schule, ist Lüth gewiss kein Vorbild. Über seinem Schreibtisch hängt ein Foto von Hans Langsdorff, berühmter Kommandant der „Admiral Graf Spee“, der sich 1939 einem Befehl des Oberkommandos widersetzte, das schwer beschädigte Schiff versenken ließ und damit vermutlich das Leben zahlreicher eigener und englischer Soldaten rettete. Damit, so Schönbach, habe er nach der Maxime „Gewissen vor Gehorsam“ gehandelt.

Schönbach ist jedoch nicht der Meinung, dass der Gedenkstein für Lüth entfernt werden sollte. Er stehe für einen Teil der Geschichte der Marine und der Schule, und diese Geschichte sei nun einmal gebrochen. Er sei „ein Mark-Stein der Geschichte“. Aus dem Eingangsbereich der Schule, wo er ursprünglich platziert worden war, habe man ihn später dorthin versetzt, wo Lüth am 14. Mai 1945 von einem Wachsoldaten der Schule erschossen wurde – wohl weil er nachts nicht erkannt worden war und die vereinbarte Parole nicht genannt habe. Für die heutigen Soldaten und erst recht für die Offiziersanwärter, die an der Schule ausgebildet werden, habe Lüth heute keinerlei Bedeutung mehr. Schönbach, der im Januar Leiter der Marineschule Mürwik wurde, habe erst vor wenigen Tagen von der Existenz des Steins erfahren. Überlegenswert nannte er den Gedanken, den Gedenkstein in anderer, erweiterter Form als heute zu erklären.

Er verdeutlichte aber auch, dass die Marineschule nicht nur eine Ausbildungsstätte sei, sondern auch Aufgaben eines Museums habe. Als Beispiel nannte er das regelmäßig für die Öffentlichkeit geöffnete Wehrgeschichtliche Ausbildungszentrum. Auch weitere Exponate überall im Gebäude stehen für die Geschichte der Marine, in der Tradition auch heute noch unabdingbar sei.

In der Aula, in der einmal pro Jahr die Ratsversammlung der Stadt Flensburg tagt, hängen enorme Schlachtengemälde, die für Schönbach jedoch keine Kriegsverherrlichung seien, sondern im Gegenteil die Sinnlosigkeit des Krieges verdeutlichen. Dennoch sei das Gemälde der „Bismarck“, ebenso wie einige Büsten, entfernt worden. Die Verteidigungsministerin habe eine Neuformulierung des Traditionserlasses von 1982 angekündigt; die warte man ab, um dann mit neuen und mit weiteren Infos versehenen Exponaten die Aula und andere Räume auszustatten.

Der Flensburger Historiker Gerhard Paul hatte den Stein ins Rollen gebracht und in einem ersten emotionalen Aufruf vorgeschlagen, den Gedenkstein „in der Förde zu versenken“. Davon ist er mittlerweile abgerückt. Der Stein und die dahinter stehenden Schicksale seien ein Teil der Geschichte und daher bewahrenswert. Aber in dieser nüchternen, wenig informativen Gestaltung? „Lasst uns doch öffentlich über eine Verfremdung dieses Denkmals nachdenken!“, regt Gerhard Paul an. So kann sich der Uni-Professor eine Ergänzung des Gedenksteins durch Fotos der Grausamkeiten des U-Boot-Krieges vorstellen.

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