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Europa-Universität Flensburg : Kann die internationale Germanistik Europa retten?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

180 Forscher aus 50 Ländern: Die Tagung der internationalen Gesellschaft für interkulturelle Germanistik beschäftigt sich mit „Europa im Übergang“.

Germanisten gelten im Allgemeinen eher als Statisten auf der weltpolitischen Bühne. Wohl kaum einem käme in den Sinn, Germanisten zu befragen, wie man die vielfachen Krisen der Europäischen Union lösen könnte. „Dabei stehen viele der derzeitigen Probleme des europäischen Staatenverbundes seit Jahrhunderten im Zentrum literarischer Texte“, sagt Iulia Patrut, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Europa-Universität Flensburg. „So hat Heinrich von Kleist 1811 mit der ,Verlobung in St. Domingo‘ eine Novelle geschrieben, die davor warnt, sich von Rassenstereotypen leiten zu lassen. Denn das Unglück geschieht dort, weil ein weißer Mann seiner dunkelhäutigen Geliebten misstraut.“

Patrut, in Rumänien geboren, ist unter anderem Spezialistin für Migration, Inklusion und Exklusion in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Und in der nächsten Woche ist sie gemeinsam mit Kollegen Gastgeberin für etwa 180 Germanisten aus 50 Ländern auf vier Kontinenten. Vom 9. bis zum 15. September hält die „Gesellschaft für interkulturelle Germanistik“ (GiG) in Flensburg unter der Überschrift „Europa im Übergang. Interkulturelle Prozesse – internationale Deutungsperspektiven“ ihre Jahrestagung ab. Die GiG ist eine internationale Forschungsgemeinschaft, deren Jahrestagungen in den letzten Jahren unter anderem in Prag, Istanbul, Tel Aviv oder im finnischen Tampere stattgefunden haben – und nun auch in Flensburg, der Stadt der wachsenden Europa-Universität.

„Aus Indien, Afrika, Südamerika und Europa werden etablierte und Nachwuchsforscherinnen Fragen rund um interkulturelle Prozesse in der Literatur diskutieren“, erklärt Iulia Patrut. „Germanistik ist keine Nationalphilologie mehr. Stattdessen geht es um die kritische Analyse von kolonialen und imperialen Machtasymmetrien und um die vielfältigen literarischen Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen Europas und der ganzen Welt seit der frühen Neuzeit.“

In Flensburg werden Schwergewichte der internationalen Forschung erwartet, wie etwa der mit neun Ehrendoktorwürden versehene Hans Ulrich Gumbrecht, der unter anderem in Stanford lehrt, oder der aus Neu Delhi stammende Anil Bhatti, der mit seinen vergleichenden kulturwissenschaftlichen Studien zwischen Europa (Deutschland, Österreich) und Indien berühmt wurde.

Und wie können deren Debatten zur Rettung Europas beitragen? „Die Zeit ist reif, sich dem zuzuwenden, was allzu oft vergessen oder gar verleugnet wird: Europa ist eine literarische, an Bildung und Dialog, Verständnis und Solidarität gebundene Idee, deren Verwirklichung nicht allein davon abhängt, dass man die Kräfte des freien Marktes entfesselt und ihnen alles Weitere überlässt“, sagt Patrut. „Wenn eines aus der Literatur- und Kulturgeschichte Europas klar wird, dann ist es dies: ,Rettung‘ kann es nur durch kritische Selbstreflexion und achtsame Auseinandersetzung mit dem Gegenüber geben. Beides gehört lange schon in die Domäne der Literatur, die schon transeuropäische und kolonialismuskritische Züge hatte, als es noch starre politische und religiöse Grenzen gab.“

Die Germanisten aus (fast) der ganzen Welt diskutieren aber nicht nur: 18 indische Wissenschaftler und Theaterleute haben aus deutschsprachigen literarischen Texten unter dem Titel „Fluchtpunkte“ ein Stück collagiert, das eine indische Studierendengruppe am 11. und am 13. September in der Flensburger Theaterschule auf die Bühne bringen wird.

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