Tierschutz in Flensburg : Kampf um einen Taubenschlag

Sorgen für Unfrieden: Die Tauben des ehemaligen bäuerlichen Anwesens Fruerlundhof alarmierten Tierschutzaktivisten.
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Sorgen für Unfrieden: Die Tauben des ehemaligen bäuerlichen Anwesens Fruerlundhof alarmierten Tierschutzaktivisten.

Eine verwahrloste Taubenpopulation in Fruerlundhof sorgt für Zwist. Der Vorwurf der Tierschützer.: Die 90 Tauben verhungern.

shz.de von
03. Januar 2015, 08:43 Uhr

Da hocken sie nun auf dem Dachfirst eines Anwesens, dessen Geschichte mehr als 500 Jahre zurückreicht, und haben keine Zukunft hier. Die Bewohner von Fruerlundhof 1 sind nicht mehr da. Annedore Iwersen, die Kunsthandwerkerin, ist in ein Heim gezogen, ihr Bruder Hans Christian, der den Hof lange bewirtschaftete, starb vor einem halben Jahr. Seine Tauben sind geblieben. Seit Weihnachten sind sie für Tierschützer und Veterinäre bis ins soziale Facebook-Netz hinein ein Thema. Ein strittiges.

Am 2. Weihnachtstag gab es in diesem letzten ländlichen Winkel Flensburgs ziemlichen Wirbel. Viele Tauben aufgeschreckt in der Luft, auf dem Boden Menschen in Zivil und in Uniform. Die Polizeibeamten waren auf Grund einer Anzeige gekommen. Tierschützer hatten Anzeige wegen Tierquälerei gestellt. Iwersens Haustauben, so der Vorwurf, seien mutwillig einer lebensbedrohlichen Situation ausgeliefert worden. Der Grund: Man habe ihnen die Luken des Taubenschlags zugenagelt, den der alte Iwersen für sie eingerichtet hatte, die regelmäßigen Fütterungen seien eingestellt worden. Seither würde die Population verwahrlosen, täglich würden etliche Vögel entkräftet sterben und rund um das Gehöft verwesen.

Willy Sandvoß, langjähriger Leiter des Tierheims und Vorsitzender des Tierschutzvereins, war ebenfalls vor Ort. Nach seinen Recherchen stimmt freilich nur ein Teil der Vorwürfe. „Der ehemalige Hofbesitzer war viele Jahre ein Freund der Stadttauben, das ist wohl richtig“, sagt Sandvoß. Der Bestand vor Ort – Sandvoß schätzt ihn auf 70 bis 90 Tiere – sei allerdings kein Zuchtbestand. „Das sind verwilderte Haustauben, die ziehen weiter, wenn man die Fütterung peu à peu einstellt.“ Theoretisch jedenfalls. Praktisch gibt es für die Tiere in der Natur im Moment wenig zu holen. „Der Tisch ist nicht so reich gedeckt“, räumt der Tierschützer ein. Es könnte aus Sicht des Tierschutzes sinnvoll sein, wenn man für eine Übergangszeit weiter füttert.

Nachbarn beobachten, dass die darbende Population auf jeden Fall die Raubvögel der Stadt einlädt. Für Falke, Habicht & Co. ist Fruerlundhof ein gefundenes Fressen. „Die gucken sich die kranken Tiere aus, und dann geht alles ganz fix“, sagt einer der Anwohner. Wegen der Nähe zum Dachfirst ist der Luftraum über seinem Garten meistens der Kampfplatz. Was die Greifvögel übrig lassen, müssen die Menschen entsorgen. Dramatisch, sagt der Mann, sei die Entwicklung allerdings nicht. Das sei die Natur, wenn wie bei Iwersens über 150 Jahre eine so große Taubenpopulation gehalten werde.

Die Polizei hält sich unter Hinweis auf laufende Ermittlungen bedeckt. „Die Verschläge sind wohl schon vor zwei Jahren durch den damaligen Hofbesitzer geschlossen worden“, sagt Polizeisprecher Matthias Glamann. Das bestätigt Günther Voigt. Er ist von den Geschwistern Iwersen zum Verwalter der 2010 gegründeten Stiftung Fruerlundhof bestellt worden und unterhält noch ein Büro auf dem Anwesen. „Im Alter wurde Hans Iwersen das mit den Tauben zu viel. Der Taubenschlag und der Stall wurden dicht gemacht.“

Nach Voigts Beobachtungen war zwischenzeitlich Ruhe in Fruerlundhof – als aber die Getreidesilos am Hafen still gelegt wurden, sei der Bestand wieder angewachsen. Dass Spaziergänger und Schulkinder die Tauben regelmäßig füttern, war ein Grund mehr zum Bleiben. Den von Tauben-Aktivisten erhobenen Vorwurf, er würde die Tiere quälen und gar Jungvögel im geschlossenen Stall verhungern lassen, weist er empört zurück. „Ich habe mit der Polizei den Hof abgesucht – wir haben nichts gefunden.“ Der Stiftungsvorstand hofft auf eine einvernehmliche Lösung mit Veterinäramt und den „Taubenleuten“. Er sei „für alles offen“, sagt Voigt. Aber auf keinen Fall möchte er wie sein Vetter Tag für Tag für den Mist zuständig sein, den 100 Tauben hinterlassen. „Irgendwann muss man mit der Kündigung leben.“

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