Toosbüystrasse in Flensburg : Kampf um einen Kirschbaum

Anwohner wollen die große Zierkirsche an der Toosbüystraße erhalten – doch die Tage des Baumes sind gezählt.
Anwohner wollen die große Zierkirsche an der Toosbüystraße erhalten – doch die Tage des Baumes sind gezählt.

Ein Kirschbaum in Flensburg steht in voller Blüte - und soll trotzdem der Motorsäge zum Opfer fallen. Die Anwohner in der Toosbüystraße sind auf den Barrikaden.

shz.de von
14. März 2014, 07:47 Uhr

Als die Motorsäge kreischte, läuteten bei Heinz Behrens die Alarmglocken. Der 58-Jährige betreibt eine Polsterei in der Toosbüystraße, er ließ seine Arbeit liegen und eilte aus dem Haus. Es war Mittwoch gegen 11 Uhr, als er mit ansehen musste, wie von zwei Zierkirschen und einer Birke auf dem Wall zum Burgfried nur noch klägliche Stümpfe blieben. „Mir wurde ganz schlecht“, schildert der Flensburger.

Als er sich dann von dem beauftragten Unternehmer Wolfgang Czapla erklären lässt, dass tags darauf auch noch der markante, über 50-jährige Kirschbaum an dem Weg zum Rummelgang wegen Pilzbefalls und zudem eine Magnolie dran glauben sollen, ist für ihn das Maß voll. Er hatte das prächtige Bild aus den Vorjahren noch vor Augen. „Ein Blütenmeer in Weiß und Rosa.“

Behrens versammelte gestern in aller Frühe zahlreiche Anwohner um sich, um den Baum vor dem Zugriff der Säge zu schützen. Ein Plakat ist daran befestigt, darauf – etwas pathetisch – die Zeilen: „Ich lebe doch wie du. Bitte nicht töten“ oder „Ich werde nie wieder blühen, morgen werde ich gefällt.“ Bunte Schalen mit Kerzen baumeln an den Ästen.

Schon um 9 Uhr haben die Aktivisten 50 Unterschriften für den Erhalt der Kirsche gesammelt, bis zum späten Vormittag hat sich diese Zahl verdoppelt. „Zu den historischen Bauten gehören die alten Bäume einfach dazu“, befindet Cordula Geinitz aus der Schlossstraße. Sie kann nicht begreifen, dass die Maßnahme Teil der geplanten Verschönerungsarbeiten sein soll. „Es ist schrecklich und alles andere als eine Aufwertung, die uns versprochen worden ist“, sagt sie unter beifälligem Nicken der engagierten Anwohner.

Sven Neumann wohnt seit 24 Jahren hier. Er spricht von dem Baum, auf den sein Blick aus dem Fenster als erstes falle, als ein Wahrzeichen, ein historisches Schmuckstück für die Straße. „Sie sollen hier lieber mal Fahrbahn und Bürgersteig erneuern.“ Das allerdings ist vorgesehen. Doch alle Demonstranten beklagen, dass die Maßnahme im Rahmen der bevorstehenden Sanierungsmaßnahmen nie kommuniziert worden sei. Tatsächlich gibt es dafür keinen politischen Beschluss. Im Gegenteil. Wie Arne Rüstemeier, Mitglied des Umweltausschusses bestätigt, sei eher der Erhalt eingeplant gewesen. „Es ging darum, den Bestand zu schützen.“

Für die Anwohner klingt es verdächtig, dass ausgerechnet vor Beginn der Sanierung die Baumkrankheit ausgebrochen sein soll. Heinz Behrens gelingt es, Stefanie Hagen vom städtischen Sanierungsträger ans Telefon zu bekommen. Sie erläutert ihm geduldig, dass der Baum laut Expertenmeinung krank und nicht zu retten sei. Er werde nur noch eine letzte Notblüte austreiben. „Wenn ich hier wohnen würde, wäre ich auch genervt“, wirbt sie um Verständnis. Doch man möge sich damit trösten, dass neun Zierkirschen neu angepflanzt würden. „In drei bis vier Jahren haben Sie hier eine tolle Allee.“

Ihr Chef Helmut Pagel ergänzt, dass im Rahmen der Planung mit Baumpflegern und Landschaftsarchitekten mit großer Vorsicht an die historische Parkanlage herangegangen worden sei. Zwei der vier Bäume seien hinfällig, doch ihnen allen sei gemein: Sie stehen zu nah an der Straße. Denn der Bürgersteig soll verbreitert, eine neue Mauer errichtet werden. Bei den Grundierungsarbeiten“, so Pagel, „ist die Standfestigkeit nicht mehr gewährleistet.“ Die Bäume könnten nicht gehalten werden – so die einhellige Meinung von Experten.

Pagel ist daran gelegen, den Konflikt nicht weiter anzuheizen. Er hat die Fällung des großen Kirschbaums nun um einige Tage ausgesetzt. „Wir sind an einer eskalierenden Auseinandersetzung nicht interessiert.“ Deshalb wolle man sich mit den Bürgern Mitte nächster Woche austauschen und die Maßnahmen näher erläutern. „Wir setzen doch nur um“, sagt der Stadtsanierer fast verzweifelt, „was wir drei Jahre lang mit den Bürgern diskutiert haben.“

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