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St. Michael in Flensburg-Weiche : Kampf um ein architektonisches Juwel

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In den Jahren 1963/64 baut die katholische Kirche in Weiche St. Michael. Nach Auflösung der Briesen-Kaserne ist sie überflüssig und die Erhaltung teuer.

shz.de von
erstellt am 07.Jan.2016 | 19:08 Uhr

Flensburg | Die blaue Grundfarbe ist noch vorhanden, doch die ehemals weiße Schrift ist nur schwach zu entziffern. Immerhin erlaubt das Schild unverändert das Abstellen von Autos auf dem Parkstreifen – für „Kirchenbesucher“. Das ist jedoch längst obsolet: Die ehemals katholische Kirche an Weiches Ochsenweg wurde bereits vor über zehn Jahren aufgegeben – kirchensprachlich „profaniert“ – als Folge der Schließung der nahen Briesen-Kaserne.

Die weitere Aussage des Erlaubnisschildes „Haftung ausgeschlossen“ bezog sich naheliegend auf geparkte Fahrzeuge. Als Folge des Alterungsprozesses des Kirchengebäudes hat sie mittlerweile eine ganz andere Bedeutung erhalten.

Die lange Tradition Weiches als Standort militärischer Anlagen reicht zurück bis zur Armee Preußens im 19. Jahrhundert; ab 1938 war hier die Luftwaffe aktiv. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fanden Flüchtlinge Unterkunft in den Bauten. Mit Gründung der Bundeswehr Mitte der 1950er wurde die Anlage mit den vorhandenen Gebäuden ausgebaut und von 1956 an als Briesen-Kaserne genutzt.

Viele Wehrpflichtige aus ganz Deutschland leisteten hier ihren Wehrdienst, unter ihnen (wie im Stammpersonal) zahlreiche mit katholischem Glauben. Anfang der 1960er Jahre plädierten daher engagierte Bürger für den Bau einer entsprechenden Kirche vor Ort. So kam es, dass in den Jahren 1963/64 die römisch-katholische Kirche St. Michael erbaut wurde.

Stilistisch gesehen ist das Gebäude ein architektonisches Highlight: Der Rundbau mit seiner Kuppel aus Holzbindern, außen mit Kupfer eingedeckt, gefällt in seiner Konstruktion insgesamt, schön akzentuiert durch die bunten Betonglasfenster. Ein Glockenturm und Nebenräume tragen ebenfalls dazu bei. Aufgrund ihres künstlerischen und städtebaulichen Wertes wurde St. Michael 2006 ins Denkmalbuch eingetragen. „In ihrer Ausdrucksstärke und Modernität ist sie auf das Engste mit der Architektur dieser Zeit verbunden“ hält dazu der Architekturführer „Zeitzeichen, Architektur in Flensburg“ fest. Und betont „die Zukunft dieses Wahrzeichen Weiches ist ungewiss“.

Diese Prognose ist mehr als begründet: Denn als nach der deutschen Wiedervereinigung die Briesen-Kaserne erst truppenmäßig reduziert und 1997 ganz geschlossen wurde, versiegte der Strom der Kirchgänger. 2005 wurde sie „profaniert“, von der Gemeinde aufgegeben, „da sie aufgrund der Veränderungen am ehemaligen Bundeswehrstandort pastoral nicht mehr benötigt wurde“, sagt Manfred Nielen, Pressesprecher des zuständigen Erzbistums Hamburg. Nach Ausräumen des Kircheninneren steht das nunmehr profane Gebäude leer.

Und seit über zehn Jahren nagt der sprichwörtliche Zahn der Zeit an der Substanz: Am markanten Kirchturm fehlt zunehmend die Kupferbeplankung, Teile der darunter liegenden Bretter sind sichtbar, die Betonkonstruktion zeigt erste Risse, an einigen Stellen liegt die Stahlarmierung offen, der Zugang vom Ochsenweg ist zugewuchert, die Anlage wirkt etwas trostlos, was ob des Leerstands nicht verwundert. Und das sind nur die äußerlich erkennbaren Schäden.

Das Erzbistum hat jahrelang versucht, das Gebäude „durch Verkauf zu erhalten“. Interesse hatten Privatpersonen sowie eine kirchliche Gemeinschaft bekundet. „Wegen des hohen Sanierungsbedarfs und entsprechender Unterhaltskosten sowie schwieriger Fragen des Denkmalschutzes waren die Bemühungen mehrfach erfolglos“, so der Pressesprecher. Da der Investitionsbedarf in die Grundsubstanz der ehemaligen Kirchen- und Gemeindegebäude auf mehr als eine Million Euro eingeschätzt wird, hat das Erzbistum im vergangenen Herbst einen Antrag auf Abriss gestellt.

Zuständig ist die untere Denkmalschutzbehörde des Fachbereichs „Entwicklung und Innovation“ in der Flensburger Stadtverwaltung. Die sieht diesen Antrag naturgemäß unter städtebaulichem Aspekt, eine denkmalschutzrechtliche Abrissgenehmigung lag per Dezember auch nicht vor. Stattdessen war ein gemeinsames Gespräch mit Kirchenvertretern vor Ort geplant, das aus terminlichen Gründen jedoch nicht zustande kam und jetzt Ende Januar angestrebt wird. „Wir wollen sondieren, ob es eine andere Lösung als den Abriss gibt“, äußerte sich dazu Henrik Gram von der städtischen Behörde.

Damit liegt er ganz auf der Linie engagierter Bürger Weiches. „Wir beobachten schon seit Längerem den Zustand der Bausubstanz von St. Michael“, sagt Horst Otte stellvertretend für Initiativen wie die „ Aktionsgemeinschaft Gesunder Stadtteil Weiche“ und den Chronik-Stammtisch „150 Jahre“. Sie empfinden das Gebäudeensemble als „deutliche Landmarke und schöne Begrüßung in Weiche von Norden her“. Und fragen, ob der sichtbare Verfall so weitergeht oder endlich etwas dagegen geschieht. „Wir wünschen uns, dass provisorische Maßnahmen zum Erhalt ausgeführt werden und zudem die gesamte Anlage restauriert wird“, gibt Horst Otte die Meinung vieler Bürger Weiches wieder.

Die vor über zehn Jahren aufgegebenen Kirchengebäude von St. Michael stehen heute also im klassischen Konflikt zwischen Ansprüchen von Denkmalschutz und finanzierbarer Nutzung: Muss wirklich jedes Denkmal erhalten bleiben? Oder sollte solch ein architektonisches Juwel als Zeichen hoher architektonischer Kultur zwingend erhalten werden? Wie immer dominiert die Frage der Finanzierbarkeit diese Perspektiven.

Die Zukunft von St. Michael ist also nicht nur ungewiss, sie verspricht auch eine mit Spannung zu beobachtende Lösung des Problems – von allen Bürgern Flensburgs und Weiches.


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