Kampf um das letzte Angebot

Einsatz am Ochsenmarkt: Schlecker-Betriebsratsvorsitzende Ingrid Ries (rechts) mit ihrer Stellvertreterin Petra Clausen (mit Luftballons) und dem Betriebsratsteam. Foto: jolly
Einsatz am Ochsenmarkt: Schlecker-Betriebsratsvorsitzende Ingrid Ries (rechts) mit ihrer Stellvertreterin Petra Clausen (mit Luftballons) und dem Betriebsratsteam. Foto: jolly

Die Flensburger Mitabeitervertretung von Schlecker kämpft um den Erhalt der verbliebenen Läden - und um 72 Arbeitsplätze

shz.de von
09. März 2012, 06:49 Uhr

Flensburg | Bei Schlecker sind jetzt nicht nur Waschmittel, 60-Watt-Birnen, Ostergras und Kerzen im Angebot - es werden sogar Geschenke verteilt. Auf dem roten Schokoherzen steht "Vielen Dank" - und ein Luftballon-Herz gibt es auch noch. Wer gestern Vormittag bei Schlecker am Ochsenmarkt einkaufte, mag sich vielleicht gewundert haben, dass er vor dem Laden an der Marienallee von sechs freundlichen Damen beschenkt wurde.

Dabei haben die freundlichen Frauen eigentlich nichts zu lachen. Sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz - und um den ihrer 66 Kolleginnen zwischen Langballig, Harrislee und Niebüll. Sie sind aber dennoch guter Dinge: "Wir sind mit Überzeugung dabei", ist sich die Gruppe um Betriebsratsvorsitzende Ingrid Ries und ihre Stellvertreterin Petra Clausen sicher. Sonst wären sie bestimmt nicht hierher gekommen, um sich bei den Kunden für die Treue zu bedanken: "Wir werben dafür, dass sie weiter bei uns einkaufen und so zum Erhalt unserer Arbeitsplätze beitragen", steht auf gelben Zetteln, die zu den roten Schoko- und Luftballonherzen gereicht werden.

Allein in Flensburg gab es vor wenigen Jahren noch 14 Schlecker-Filialen. Heute sind es noch sechs: Travestraße, Norderstraße, Hafermarkt, Strucksdamm, Osterallee, Breedlandweg, Twedter-Plack-Passage und Apenrader Straße. Hier überall hat sich der schwäbische Kaufmann bereits zurückgezogen. Dass dies längst nicht das Ende der Fahnenstange ist - das war Betriebsratschefin Ries und ihren Kolleginnen natürlich bewusst. Aber als sie am Mittwochabend die neuerliche Streichliste des Insolvenzverwalters erreichte, war die Betroffenheit dann doch groß: Neun der 16 Schlecker-Filialen zwischen Süderbrarup und Niebüll sollen schließen. Und in Flensburg? "Das mag ich gar nicht sagen", sagt Ries. Bachstraße, Marienallee, Beethovenstraße, Engelsbyer Straße, Gertrudenstraße und am Ochsenweg in Weiche. Vier dieser sechs Flensburger Läden sollen auf der Streichliste der Sanierer von Anton Schlecker stehen. Welche es sind, sagt sie nicht. Noch hoffen die Mitarbeiterinnen, dass das letzte Wort nicht gesprochen ist. Schließlich sind sie es, die die Lage vor Ort viel besser kennen als die Manager in Süddeutschland. Sie setzen auf die Kraft ihrer Argumente. "Wir haben ein gewisses Mitspracherecht", hoffen sie.

Den Laden von Ingrid Ries an der Norderstraße hat es bereits im vergangenen Jahr getroffen. Doch selbst, wenn sie traurige Gewissheit hätten, welche Läden dicht gemacht werden, wissen sie ja nicht, wen es dann trifft. Auch bei Schlecker gibt es eine Sozialauswahl. 72 Mitarbeiter, die bangen - allesamt Frauen: "Niemand weiß, wen es trifft. Die Ungewissheit ist kaum auszuhalten", sagt Ries.

Über Schlecker mögen sie nicht schlecht reden. Im Gegenteil. Es ist ihr ein Anliegen, mit einem Vorurteil aufzuräumen. Schlecker zahle nicht schlecht. Es sei sogar das einzige Unternehmen der Drogeriemarkt-Branche, dass nicht nur Tarif zahle, sondern auch den Tarifvertrag unterzeichnet habe, sagt die Betriebsrätin.

"Viele Kunden wollen uns behalten", fasst die Betriebsratsmannschaft die vielen Gespräche mit Kundinnen zwischen Schoko-Dank und Luftballon zusammen. Fast jede hat auch ihre Unterschrift für den Erhalt der Verkaufsstelle gegeben. "Wenn wir jetzt noch schönere Läden und bessere Preise kriegen", sagt Ries. Sie mag den Satz gar nicht mehr zu Ende sagen. Außerdem ist der Vormittagseinsatz an Ochsenmarkt jetzt fast zu Ende. Die nächste Station im Abwehrkampf wartet schon - der Laden an der Engelsbyer Straße.

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