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Diakonissenanstalt Flensburg : Kampf gegen Krankenhaus-Keime

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Keime im Krankenhaus machen vielen Patienten Angst. Immer wieder ist die Rede davon, dass Menschen an Infektionen erkranken oder gar sterben. Die Diako in Flensburg versucht, Infektionen bei Patienten während ihres stationären Aufenthalts zu vermeiden.

Gerhard Rothenberg hatte Pech. Dreifaches Pech. Mindestens. Im Sommer 2012 überrollte der rechte Vorderreifen eines Linienbusses an der Haltestelle Süderhofenden / Angelburger Straße einen Fuß des 80-Jährigen. Mit schwerwiegenden Folgen: Komplizierte Knochenbrüche, offene Quetschungen. Stundenlange Operation in der Diako. Obwohl die Polizei den Fahrer als Verantwortlichen des Unfalls ermittelte, gab es vom Busunternehmen statt Schmerzensgeld nur einen Blumenstrauß.

Das Schlimmste aber: Der Fuß des Flensburgers ist bis heute nicht verheilt, eine offene Wunde an der Ferse will sich nicht schließen. Das verhindert offenbar ein Bakterium namens Pseudomonas aeruginosa. Rothenberg ist davon überzeugt, dass er sich den hartnäckigen Keim in der Klinik eingefangen hat.

Doch er irrt. Sagen die Mediziner. Dr. Martin Oldenburg, Ärztlicher Leiter der Hygieneabteilung in der Diako, erklärt klipp und klar, dass der Patient den Erreger (auch „Pfützenkeim“ genannt, weil er gern in abgestandenem Wasser auftritt) mitgebracht hat. „Er muss aus der Unfallsituation entstanden sein.“ Dr. Kay Langenheim, Hygienebeauftragter Arzt, bestätigt das: „Der Keim war leider nicht zu eliminieren.“ Die schwerwiegende Verletzung habe einen langwierigen Heilungsprozess nach sich gezogen. „Letztlich müssen wir alle froh sein, dass wir den Fuß überhaupt retten konnten.“

Immer wieder ist die Rede davon, dass Menschen an Infektionen erkranken oder gar sterben, die aufgrund mangelnder Hygiene im Krankenhaus selbst auftreten. Über das Ausmaß streiten sich die Experten. Diako-Direktor Christian Peters räumt ein, dass es auch in Flensburg zu vermeidbaren Todesfällen kommt. „Und jeder Fall ist einer zu viel.“

Es ist bekannt, dass sich die Situation in Skandinavien oder den Niederlanden bei weitem nicht so dramatisch darstellt. „In den Nachbarländern war man für das Problem frühzeitig sensibilisiert“, sagt Peters, „hierzulande sind Maßnahmen schlicht zu spät ergriffen worden.“ Das Thema habe zu wenig Beachtung und vor allem Konsequenzen nach sich gezogen.

Doch die Diako ist seit der Novelle des Infektionsschutzgesetzes 2011 auf dem richtigen Kurs. Drei Hygienefachkräfte sind hier eine feste Institution, die Stelle von Martin Oldenburg, zuvor Amtsarzt im Gesundheitshaus, ist Anfang des Jahres extra eingerichtet worden. Ein Glücksfall, zumal es deutschlandweit nur wenige Fachkräfte in diesem Bereich gibt. Die Diako kann zudem auf besonders geschulte Pfleger und Ärzte in den einzelnen Abteilungen zurückgreifen, sogar stationsweise gibt es eigene Ansprechpartner.

Es ist ein schwieriges Terrain. Von 25 Erregergruppen sind sechs multiresistent, für jeden einzelnen gibt es Empfehlungen, wie eine wirksame Antibiotika-Therapie angegangen werden muss. Diesem Zweck dienen Antiinfektiva-Tabellen, die der Klinikverbund Flensburg, zu dem das Malteser Krankenhaus gehört, in Kooperation mit der Uni-Klinik Kiel entwickelt hat – ein individuelles Krankenhausprofil. Denn im Norden gibt es ganz andere Resistenzmuster als etwa in München oder Köln. Der Aufwand ist bei 30 000 stationär aufgenommen Patienten pro Jahr enorm, zumal davon 8000 als Risikopatienten gelten – diese werden einem sofortigen Aufnahme-Screening unterzogen und wandern gegebenenfalls in Quarantäne. So können Keime wie Staphylokokken (MRSA) sich nicht verbreiten, sie werden rechtzeitig identifiziert und zerstört. Die Diako verfügt über keine eigene Isolationsstation – das ist ein großer Zukunftswunsch der Klinikleitung. Bei Epidemien wie dem Novovirus oder Ehec wird eine Station teilweise oder komplett in Anspruch genommen.

Martin Oldenburg warnt: „80 Prozent aller Erreger werden über Hände übertragen.“ Die Diako hat deshalb an allen Eingangsbereichen zusätzliche Spender mit Desinfektionsmitteln installiert. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass bei aller Sorgfalt menschliches Fehlverhalten bei Injektionen, Blutabnahmen oder Verbandswechseln lebensbedrohliche Folgen haben kann. „Unser Haus ist voll bis zu Anschlag“, sagt Christian Peters, „kommen Akutfälle und Unfallopfer hinzu, stehen wir oft mit dem Rücken zur Wand.“

Zurück zu Gerhard Rothenberg. Der ist seit dem Unfall zu 50 Prozent schwerbehindert – und beabsichtigt nun, von der Versicherung des Busunternehmens die Zahlung von Schmerzensgeld auf dem Klageweg zu erstreiten. „Ich will“, sagt er, „nur mein gutes Recht.“

 

 

 

 

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