Feier mit Chormusik : JVA Flensburg – Weihnachten hinter Gittern

<p>Freundlicher Umgangston: Vollzugsabteilungsleiter Martin Stichel (links) und Benjamin.</p>
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Freundlicher Umgangston: Vollzugsabteilungsleiter Martin Stichel (links) und Benjamin.

Benjamin* ist einer von derzeit 63 Gefangenen in der JVA Flensburg und verbringt das Fest im Gefängnis – für die Zeit danach hat er große Pläne

shz.de von
23. Dezember 2017, 06:49 Uhr

Das mit dem 23. sei durch, sagt Vollzugsabteilungsleiter Martin Stichel zu Benjamin* und überbringt dem Gefangenem in seinem Büro damit eine gute Nachricht. Fast auf den Tag genau seit einem Jahr sitzt der 38-Jährige, der aus Sachsen-Anhalt stammt, in der Justizvollzugsanstalt Flensburg. Am 23. Dezember bekommt Benjamin eine Lockerung und darf ein paar Stunden raus.

Er habe einige Dinge zu regeln und werde in der Stadt bleiben, sagt der Gefangene. Er sitzt nicht zum ersten Mal, aber lieber in Flensburg als zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern. „Hier beschäftigen sich die Beamten mit einem“, lobt er die Flensburger und, wenn er mit Stichel spricht, klingt das sachlich und nett.

Er sei wegen Betruges, Bedrohung und Nötigung im Gefängnis, gibt Benjamin zu und skizziert grob seine Geschichte: Gelernt habe er Energie-Elektroniker, sei Zugführer von Beruf. Im Jahr 2013 sei er erneut nach Sylt gezogen, wo er schon mal gelebt hat. Das Ordnungsamt habe ihm jedoch verboten, in seiner Wohnung seine elfjährige Hündin zu halten, eine Mischung aus Dogo Argentino und Red Nose Pitbull. Das Verbot habe damit zu tun, dass „eine gefährliche Rasse drin ist“ und mit den Vorstrafen, vermutet der 38-Jährige. „Der Hund ist nie aufgefallen“, empört er sich und erzählt, wie seine Hündin mit jedem Kind auf dem Spielplatz Freundschaft schloss. Trotzdem klingelte eines Tages der Mann vom Ordnungsamt an seiner Tür. „Ich habe ihn wüst beschimpft“, räumt Benjamin ein. Die Polizei kam und eine Vorladung per Post.

Die Strafe ist regulär am 21. Februar vorbei. Aus bestimmten Gründen bleibt Benjamin bis zum Ende in der JVA und wird nicht vorzeitig entlassen. Das könne auch Vorteile bergen, erläutert Martin Stichel, etwa, dass der Betroffene keine Bewährungsauflagen in die Freiheit mitnimmt.

Zur Zeit beherberge die JVA Flensburg 63 Häftlinge. „Wir können 66 aufnehmen“, sagt Martin Stichel und spricht von einer „sehr hohen Belegung in diesem Jahr“ mit im Durchschnitt fast 60 Gefangenen. Der Vollzugsabteilungsleiter begründet das mit Baumaßnahmen in anderen Anstalten in Schleswig-Holstein, die zu Umverteilungen führten. Die vollstreckten Haftbefehle nach dem G-20-Gipfel in Hamburg habe man auch deutlich gemerkt, berichtet Stichel. Flensburg ist nach Itzehoe die zweitkleinste JVA und eine U-Haft-Anstalt mit einem Teil Strafgefangener. Einschließlich Verwaltung gebe es 47 Bedienstete. Die Flensburger JVA habe einen guten Ruf, sagt Martin Stichel. Das hänge mit der überschaubaren Größe zusammen, der Ruhe und der eigenen „guten Küche“, denn „wir versorgen uns selbst“.

Benjamin, der vergleichen kann, bestätigt diese Beobachtungen. Eine Weihnachtsfeier für die Gefangenen, dieses Mal mit Chormusik, gab es schon, bunte Teller auch und ein gemeinsames Essen mit den Arbeitern. „Da gibt sich die Anstalt wirklich Mühe, das wissen viele nicht zu schätzen“, sagt Benjamin anerkennend. Seine Wochentage in Haft starten um halb sieben mit dem Wecken, um halb acht beginnt die Arbeit. Er ist Vorarbeiter im Werkbetrieb, außerdem nimmt er am Fahrschul-Vorbereitungskurs teil. Nach dem Mittagessen geht er wieder zur Arbeit bis halb vier, treibt nachmittags Kraftsport bis halb sieben – und wenn Zeit bleibt, spielt er Kicker oder Tischtennis oder trinkt mit anderen Gefangenen einen Kaffee im Gruppenraum. Abends um acht gehen die Türen zu. „Die Zeit fliegt hier einfach dahin, anderswo bleibt sie stehen“, sinniert er.

Jetzt über Weihnachten bekommen viele Gefangene eine Form der Lockerung, kommen an Heiligabend raus und kehren am zweiten Weihnachtstag wieder in die JVA zurück. Benjamin wird an Heiligabend den Gottesdienst besuchen, dann sind es keine zwei Monate mehr bis zur Entlassung.

Mit Haftstrafen soll für ihn dann auch Schluss sein, nimmt er sich vor. „Feierabend! Ich will jetzt meine Ruhe haben, ich bin zu alt für den Spaß“, witzelt er und meint es ernst. Als er noch mit seiner Lebensgefährtin zusammen war, erzählt er, habe er das gut verdiente Geld zügig ausgegeben. Wegen ihres „sprunghaften Lebenswandels – als ich allein war, hatte ich das Problem nicht.“ Die Frau ist verschwunden, mit ihr auch das zehnjährige Kind. Und die Hündin. Tier und Tochter will er suchen. „Ich strebe das alleinige Sorgerecht für meine Tochter an“, sagt er selbstbewusst. Und hat schon einen Job auf Sylt für die Zeit nach der Haft sicher.



* Name von der Redaktion geändert

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