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Flensburger Architektur : Junge Kirchen prägen neue Stadtteile

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vier sakrale Neubauten aus der Nachkriegszeit sind als Kulturdenkmale geschützt. Die Katholische Kirche Weiche steht seit zehn Jahren leer.

Flensburg | Im Juni erschien ein neuer, kompakter Architekturführer für die Stadt Flensburg, der auf 170 Seiten einen Überblick vermittelt, was die Stadt an herausragenden Bauwerken und Kulturdenkmälern vorweisen kann. Die beiden Autoren Henrik Gram und Eiko Wenzel haben mit den Augen von Architekten und Denkmalpflegern die Objekte ausgewählt und beschrieben, die nach ihrer Meinung die Baukultur in der Fördestadt prägen. Eiko Wenzel gibt in einer Serie im Flensburger Tageblatt einen Überblick über den Inhalt dieses neuen Buches.

 

Wer an bedeutende Kirchenbauten in Flensburg denkt, hat vermutlich in erster Linie die Kirchen der Altstadt im Kopf. Dass Flensburg mindestens vier Kirchen aus der Zeit nach 1945 hat, die als Kulturdenkmale geschützt sind, ist weniger bekannt.

Mit dem Wachstum der Bevölkerung durch Heimatvertriebene und Flüchtlinge gab es nicht nur einen erheblichen Bedarf an neuem Wohnraum, sondern auch an allen Einrichtungen, die zum Wohnen und Arbeiten in einer Stadt dazugehören. Nach den Erfahrungen von Nationalsozialismus und Krieg suchten die Menschen Orte, an denen sie Religiosität in Gemeinschaft erleben konnten. Kirchen waren zu allen Zeiten Orte, denen die Menschen einen besonderen architektonischen und künstlerischen Wert beigemessen haben.

Als erster Nachkriegskirchenbau wurde am 2. November 1958 die evangelisch-lutherische Christuskirche in Mürwik eingeweiht. In der Nähe stand ein Kapellenbau aus dem Jahr 1932, der den Anforderungen der stark gewachsenen Mürwiker Gemeinde nicht mehr genügte. Die neue Kirche sollte auch die Funktion einer Garnisonskirche für die junge Bundesmarine übernehmen. Die beiden Hamburger Kirchenbauarchitekten Bernhard Hopp und Rudolf Jäger schufen eine der ausdrucksvollsten Raumkompositionen der Nachkriegszeit in Flensburg. Unter einem Satteldach verbirgt sich eine asymmetrisch zweischiffige Anlage – fast wie eine moderne Interpretation der Helligåndskirken von 1376. Das Innere der Kirche wird bestimmt durch die Betonbinderkonstruktion, die sich in Jochabständen parabelförmig über das Hauptschiff spannt und auch das flache Nebenschiff einbezieht.

Zu den Wachstumsgebieten Flensburgs gehörte auch der Stadtteil Weiche. Hier entstand 1963/64 am Ochsenweg die katholische Kirche St. Michael nach der Planung des Architekten Paul Johannbroer aus Wiesbaden. Charakteristisch für die Kirche ist die Halbkugel- bzw. Kuppelform und der frei stehende Glockenturm. Die Dachkonstruktion der Kuppel besteht aus 18 verleimten Holzbindern. Das Licht fällt durch in die Kuppel eingeschnittene, farbige Betonglasfenster in den Innenraum. Die ausdrucksstarke Kirche steht seit 2006 unter Denkmalschutz. Die Kirchennutzung wurde aufgegeben, und nach zehnjährigem Leerstand ist dieses Weicher Wahrzeichen akut gefährdet.

Die evangelische Friedenskirche wurde als zweite Weicher Nachkriegskirche 1967/68 von den Hamburger Kirchenbauarchitekten Gerhard und Dieter Langmaack errichtet, die Bauleitung hatte Architekt Edgar Asmussen aus Weding bei Flensburg. Die Kirche hat einen herzförmigen Grundriss und beeindruckt durch ihre kunstvolle Lichtführung.

Ebenfalls 1967/68 konnte auch die dänische Kirche, Dansk Kirke i Sydslesvig, einen Neubau fertig stellen. Der Sponsor, der Reeder A. P. Møller, erteilte den Auftrag direkt an den Architekten Prof. Kay Fisker aus Kongens Lyngby. Fisker war einer der Architekten der Universität von Aarhus, und die Handschrift der kubischen, eleganten Gelbziegelbauten wird auch bei der Flensburger Kirche deutlich. Es ist neben Fiskers Projekt für das Hansaviertel in Berlin der einzige Bau des bedeutenden dänischen Architekten in Deutschland. Als die Kirche 2007 in das Denkmalbuch des Landes Schleswig-Holstein eingetragen wurde, bedankte sich die Kirchengemeinde beim Landesamt für Denkmalpflege für die Wertschätzung, die der Staat dem Kirchenbau entgegengebracht hatte.


Henrik Gram/Eiko Wenzel, Zeitzeichen. Architektur in Flensburg, hrsg. von der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein, dem Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, der Stadt Flensburg und dem Verein Flensburger Baukultur e.V., erschienen im Verlagshaus Leupelt, Handewitt, 2015, ISBN 978-3-943582-11-6, 14,80 €.



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erstellt am 09.Sep.2015 | 16:00 Uhr

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