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Zugewanderte : Junge Flüchtlinge: Jugendamt am Limit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stadt Flensburg erwartet für dieses Jahr weit über 400 minderjährige Geflohene. Die Verwaltung bleibt auf 400 000 Euro Zusatzkosten sitzen.

shz.de von
erstellt am 05.Aug.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Sie gehören zu den Schwächsten in der großen Flüchtlingskarawane, die aus Nordafrika und dem mittleren Osten nach Europa rollt. Minderjährige, die den gleichen traumatisierenden und lebensbedrohlichen Gefahren einer Flucht ins Ungewisse ausgesetzt waren, hier ankommen und schlimmstenfalls niemanden mehr haben. Flensburg ist längst zu einem Brennpunkt geworden, an dem nicht nur die Bundespolizei mit der Arbeit kaum noch hinterher kommt. Auch die sozialpädagogischen Dienste der Stadt stemmen sich gegen die große Flut.

„Wäre diese Situation aus heiterem Himmel über uns hereingebrochen, hätten wir sie nicht bewältigen können“, räumt Karen Welz-Nettlau ein. Als Leiterin der sozialpädagogischen Dienste ist sie verantwortlich für die täglich neuen jungen Menschen, die in Flensburg stranden. Ihre Sicht deckt sich mit der Sicht der Bundespolizei. Wie die Erwachsenen sind auch die Jugendlichen ganz auf Schweden fixiert. Teils, weil es den meisten Flüchtenden noch immer als das gelobte Land gilt, teils, weil die jungen Leute dort zu Verwandten und Bekannten wollen. Der gravierende Unterschied: Erwachsene landen in der vom Land finanzierten Erstaufnahme-Einrichtung, Minderjährige in der Obhut des Jugendamtes.

Der Anstieg der Fälle über die vergangenen acht Jahre ist enorm. 2007 hatte sich Flensburgs Jugendamt um gerade mal drei junge Leute zu kümmern. Ende 2012 waren es 110 , zwei Jahre später schon 195 Flüchtlinge. Mit Stichtag 31. Juli wurden in Flensburg 257 Minderjährige gezählt – die Hochrechnung fürs Jahresende wurde gerade nach oben korrigiert. „Wir waren bis Juli von 390 Leuten ausgegangen“, sagt Welz-Nettlau. „Jetzt rechnen wir mit 441. Und auch das kann sich noch ändern.“

Das sind nicht alles Menschen, die in Flensburg bleiben. Im Gegenteil. Die meisten sind auf der Durchreise und stranden hauptsächlich wegen der Bahnbauarbeiten dies- und jenseits der Grenze auf dem Flensburger Bahnhof. Weil sie auf den Schienenersatzverkehr umsteigen müssen, fallen die Wartenden auf. Oder ein Bahnbegleiter hat sie der Bundespolizei avisiert. Bei der Bundespolizei durchlaufen sie ein Identifizierungsverfahren, dann landen sie in der Obhut der Stadt. Die Stadt stellt Unterkunft, Verpflegung, Verwaltung. Klärt, ob die Flüchtenden woanders in Deutschland schon erfasst wurden, ob sie Leistungen aus der Jugendhilfe beziehen. Es werden Plätze gesucht und ethnische Unverträglichkeiten abgeklärt. Medizinische Versorgung wird organisiert, ein Amtsvormund bestellt. Aus rechtlichen Gründen ist oft ein (teurer) vereidigter Dolmetscher erforderlich, die Ankömmlinge müssen erfahren was, wann und warum mit ihnen geschieht. „Wenn sie kommen, sind die meisten fertig und kaputt“, sagt die Amtsleiterin. „Die wollen nur noch in Ruhe duschen, essen und dann schlafen!“

Wenn die meisten Flüchtenden nach drei bis sieben Tagen spurlos wieder verschwunden sind, weil sie der Schleuser weiter nach Norden bringt, steht der Verwaltungsapparat nicht still. Meist sind neue Jugendliche gekommen – und es bleiben auch welche. Karen Welz-Nettlau hat im Laufe der Zeit junge Menschen mit viel intellektuellem Potenzial erlebt. Die in den Integrationskursen schnell Deutsch lernten, die zielstrebig nach vorne arbeiten. Von den bislang 257 Menschen dieses Jahres sind 42 geblieben. Alles Verwaltungsarbeit, die Unsummen verschlingt. Die Stadt musste und muss zusätzliches Personal einstellen, um die zusätzlichen Aufgaben zu erledigen. Nach aktuellem Stand sind das fünf Stellen, die den Etat mit brutto zusätzlich 400  000 Euro belasten. Geld, das die Stadt nicht hat, aber dringend benötigt.

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