Jürgensby - der idyllische Stadtteil am Hang

Heute ist das Ostufer Beispiel für den Wandel des einstigen Wirtschaftshafens zum Freizeithafen. Die Ansicht von oben lässt die Idylle des Stadtviertels Jürgensby erahnen. Foto: Staudt
Heute ist das Ostufer Beispiel für den Wandel des einstigen Wirtschaftshafens zum Freizeithafen. Die Ansicht von oben lässt die Idylle des Stadtviertels Jürgensby erahnen. Foto: Staudt

Das Viertel oberhalb des Hafens war Ruhesitz für viele Kapitäne / Schienen pflasterten einst das Ostufer / Fruerlund und Mürwik - kahle Felder

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04. August 2012, 08:06 Uhr

Flensburg | Vor hundert Jahren, am 11. August 1912, flog der Zeppelin "Hansa" über die Stadt. Mit an Bord: Ein Fotograf mit seiner Plattenkamera, der die ersten Luftbilder der Stadtgeschichte aufnahm. Zum Jubiläum hat die Stadtredaktion diese Aufnahmen von damals Luftbildern der Gegenwart gegenübergestellt und präsentiert zusammen mit dem Stadtarchiv in zehn Folgen ein einmaliges Dokument der städtischen Entwicklung und Veränderung.

Auf Jürgensby war alles anders. Unten in der Stadt, da drängelten sich die Flensburger. Außerhalb der Stadtmauern durfte nicht gebaut werden, und so wurde jeder düstere Hofplatz für neue Wohnhäuser ausgenutzt. Die Mieten waren hoch. Aus den Schloten der Fabriken legten sich die Schwaden auf die Stadt und es war ein Glück, wenn der frische Wind sie vertrieb.

Auf Jürgensby war alles anders. Hier hatte die Stadt nichts zu sagen, das Gelände gehörte der Kirche - Süder St. -Jürgen (das heutige Johannisviertel) und, ab Plankemai, Norder St.-Jürgen, das heute Jürgensby am und auf dem Hang. Und wenn ein Seemann, der gut verdient hatte auf großer Fahrt und nun nach einem Stück Land für ein eigenes Häuschen als Altersruhesitz suchte, dann standen die Chancen gut. So entstand entlang der heutigen St.-Jürgen-Straße die Reihe der idyllischen Kapitänshäuser.

Eine exzellente Lage für die alten Fahrensleute: nahe der Stadt, mit bestem Blick auf das Geschehen im Hafen. Aus dem Wohnzimmerfenster konnten die Bewohner mitverfolgen, welches Schiff in Flensburg einlief, Ladung löschte und wieder auf Reise ging.

Die Freude an der Lage wurde auch nicht verdorben durch die Erinnerung: St. Jürgen im späten Mittelalter - das war Krankheit, Elend, Einsamkeit und trostloser Tod. Denn etwa das heutige Kirchengelände war der Platz für das Lepra-Hospital draußen vor der Stadt. Hierher wurden die "Aussätzigen" gebracht, für die es in jener Zeit keine Heilung gab und zu denen Kontakt Ansteckung bedeutete. Wer im Lepra-Hospital war, verließ es als Toter.

Irgend welche Hinweise auf diese düstere Geschichte lassen sich im Stadtteil nicht mehr erkennen. Nur die 1907 eingeweihte St.-Jürgen-Kirche markiert noch weithin sichtbar das Kirchenland.

Gut erkennbar ist auf dem alten Luftbild der neu angelegte Hafendamm, der mit den großen Aufschüttungen am Ostufer entstanden war. Diese neuen Flächen brachten Platz für die Eisenbahn. Die große Menge Schienen war längst nicht nur für den Warenumschlag im Hafen entstanden. Vielmehr brauchte der neue Staatsbahnhof (am heutigen ZOB) Abstellanlagen für die Züge.

Im oberen rechten Viertel des alten Bildes sind die Fahrbahn der Birmarckstraße, die Bismarckbrücke und die Kaiser-Wilhelm-Straße nach Mürwik (heute Mürwiker Straße) erkennbar. Hinter der Brücke erstrecken sich die weiten Felder, auf denen Jahrzehnte später der Stadtteil Fruerlund entstehen sollte.

Am sichtbaren Ende der Straße nach Mürwik sind gerade noch zwei kleine Siedlungen erkennbar, der Blasberg und die Katen von Fruerlundholz.

Auf dem Gelände des heutigen Volksparks liegen Felder der Jürgensbyer Höfe. Zwischendurch ein paar Knicks, sonst kaum ein Baum.

Auf dem neuen Luftbild ist das Hafenostufer, bis auf den begrünten Bahndamm, frei von Gleisen. Der frühere Kanalschuppen verschwand für die Hafenspitze und das Restaurant Bellevue. Schräg unterhalb der Jürgenkirche liegt das Gängeviertel, eine der schönsten Ecken im Stadtgebiet. Der Volkspark fällt jetzt auf durch sein dichtes Grün und den Wasserturm. Klar erkennbar der rote Komplex der Marineschule.

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