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Flensburger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 10:30 Uhr

Jüdische Gemeinde auf Wohnungssuche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bücher und Thora-Rolle aus Pergamentpapier könnten unter Feuchtigkeit leiden

shz.de von
erstellt am 02.Dez.2016 | 17:59 Uhr

Bedenkt man, dass sich hier bereits der Botschafter Israels, die amerikanische Generalkonsulin oder Parlamentarier aus dem Knesset sich die Ehre gaben, ist das Domizil der Jüdischen Gemeinde Flensburg in einer Hinterhofwohnung an der Toosbüystraße 7 recht schmucklos. Wer sich nicht vorne an der Straße abholen lässt, muss durch einen schlecht beleuchteten Gang und steht dann zunächst ratlos in einem typischen Flensburger Altstadthof. Dass das Ambiente für eine der regesten jüdischen Gemeinden in ganz Norddeutschland wenig repräsentativ ist, stört den Gemeindevorstand um Geschäftsführer Gershom Jessen sowie die Vorstände Elena Sokolovsky und Jossif Smolianskij nicht so sehr. Doch nach mehr als zehn Jahren leidet das publizistische und religiöse Inventar der Gemeinde.

Sorgen macht sich die 250 Mitglieder große Gemeinde, die ein Einzugsgebiet von Kiel bis Kolding und von den nordfriesischen Inseln bis Kappeln hat, neben ihren historischen Büchern vor allem um ihre beiden in einem Schrank verwahrten Thora-Rollen. Die Hauptsorge: Die Schriftstücke aus Pergamentpapier könnten unter der Feuchtigkeit leiden.

Gershom Jessen ist es wichtig zu betonen, dass es weder ein Problem mit dem privaten Vermieter an der Toosbüystraße gibt, noch mit sonst irgendjemandem in der Stadt. Das Rathaus habe die Gemeinde sogar ausdrücklich unterstützt, auch mit dem Selbsthilfe-Bauverein sei man freundlich im Gespräch. „Aber die Raumluft ist hier ziemlich schwierig“, formuliert Jessen vorsichtig.

Es komme aber noch ein erfreulicher Grund dazu: Die rege Gemeinde, die seit Mitte der 90er Jahre als Gemeinschaft existiert und seit 2004 offiziell Mitglied im Zentralrat der Juden ist, wachse beständig. Zu den Gottesdiensten kämen regelmäßig 40 bis 50 Teilnehmer. Das sind deutlich zu viele für den kleinen Versammlungsraum in der Drei-Zimmer-Wohnung mit Büro, koscherer Küche und einer kleinen Ausstellung über die Geschichte der Flensburger Juden. Als die dänische Minderheit noch Vermieter war, nutzte die Gemeinde häufiger den Saal im Vorderhaus. Doch auch dies ist jetzt nicht immer möglich.

„Wir brauchen einen ständigen Raum für unsere Gebete und einen Saal für Veranstaltungen mit 50 bis 70 Leuten“, so die Hoffnung Jessens. Schließlich wirkten viele Aktivitäten wie die Jüdischen Kulturtage weit über die Region hinaus und seien in dieser Form sonst nur in großstädtischen Gemeinden in dieser Form zu finden.

Eine Drei-Zimmer-Wohnung und ein Saal – das fehlt der Jüdischen Gemeinde in Flensburg, um optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Die Flensburger Gemeinde gilt als sehr offen, empfängt Schulklassen oder Konfirmandengruppen. Für ältere und nicht mehr mobile Gemeindemitglieder gibt es sogar koscheres Essen auf Rädern aus der Toosbüystraße. Zur Gemeinde zählen noch 20 hochbetagte Überlebende des Nazi-Terrors.

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