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Flensburger Tageblatt

21. Oktober 2017 | 18:07 Uhr

Demo in Flensburg : „Jetzt ist Zahltag!“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

750 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes demonstrierten gestern in der Innenstadt für höhere Löhne und Nachwuchsförderung

shz.de von
erstellt am 08.Apr.2016 | 07:55 Uhr

Trommeln, Trillerpfeifen, Transparente. Eine bunte Menschenmenge machte gestern in der Flensburger Innenstadt mit wehenden Fahnen mächtig Alarm. Bundes- und Kommunalbeschäftigte unterstrichen damit lautstark und nachdrücklich ihre Erwartungen in der aktuellen Tarifrunde. Etwa 750 Erzieher, Müllwerker, Reinigungskräfte und Verwaltungsangestellte – etwa von Stadt und KBA, Bundeswehr und Arbeitsagentur – beteiligten sich an der Demonstration.

Der DBB Beamtenbund fordert unter anderem eine Erhöhung der Löhne um sechs Prozent, verbesserte Übernahmeregeln für Auszubildende und einen erleichterten Übergang in die Altersteilzeit. Die Arbeitgeber halten das für überzogen. Am Montag und Dienstag wird in Potsdam weiter verhandelt. Willi Russ steht dabei für die Gewerkschaften in erster Reihe. „Wir setzen auf Vernunft und Einsicht“, sagte der DBB-Verhandlungsführer gegenüber dem Tageblatt. „Das, was heute in Flensburg passiert, gibt uns Rückenwind und wird den Arbeitgebern sicherlich beim Nachdenken helfen.“

Der Aktionstag hatte bereits vormittags um 9.30 Uhr mit einem zünftigen Frühstück im Deutschen Haus begonnen. Willi Russ, der in der Nacht von Frankfurt aus in den Norden gekommen war, informierte die Streikenden über die andauernde Sparwelle und Personalabbau – darüber, dass man bereits seit zehn Jahren über eine neue Entgeltordnung verhandele. Bei weiterem Stillstand werde man aufrüsten. „Es gibt noch viel Luft nach oben“, kündigte er an. „Das wird spürbar sein – in Kitas wie bei der Müllabfuhr.“ Die Tatsache, dass die Gewerkschaft Verdi an diesem Tag nicht dabei sei, dürfe man nicht überbewerten: „Wir marschieren getrennt, aber schlagen gemeinsam.“

Auf der Abschlusskundgebung am Südermarkt rief er unter dem Beifall der Menge: „Wir sind in Vorleistung getreten. Jetzt ist Zahltag!“ Er forderte zudem, dass Auszubildenden eine berufliche Zukunft eröffnet werden müsse. Seine Schreckensvision: „Der öffentliche Dienst vergreist.“ Komba-Landeschef Christian Dirschauer ergänzte, dass der Personalmangel aktiv bekämpft werden müsse: „Wir wollen, dass Befristungen endlich verschwinden und junge Menschen nach erfolgreich absolvierter Ausbildung auch in den Dienst übernommen werden.“

Das war ganz im Sinne von Tiemo Olesen, Azubi-Sprecher bei der Stadtverwaltung. 100 Euro monatlich und zwei Tage im Jahr mehr Urlaub seien angemessen und keineswegs „gierig“, wie die Gegenseite behaupte. „Schließlich müssen wir gleichzeitig lernen und ausgebildete Mitarbeiter vertreten.“ Mit Anfang 20, sagt er, sähe so mancher schon jetzt das Gespenst der Altersarmut vor sich. Auch Personalratsvorstand Lothar Christiansen trat ans Rednerpult und warb vehement darum, Nachwuchskräfte zu rekrutieren. „Sonst stehe ich in zehn oder 15 Jahren hier und frage: Mensch, wer macht denn jetzt die Arbeit?“ Der Poker um Tarife und Gehälter sei schlicht „erbärmlich“.

Stadtsprecher Clemens Teschendorf sagt, im Rathaus habe es „deutlich weniger“ Mitarbeiter, jedoch nur geringe Einschränkungen im Publikumsverkehr gegeben. Das Einwanderungsbüro hatte ganztägig, Bürgerbüro und Standesamt ab 14 Uhr geschlossen. Die „relativ langen“ Wartezeiten seien von den Kunden mit Verständnis hingenommen worden. „Alle Kitas konnten zudem ihren Betrieb aufrecht erhalten.“

Das Technische Betriebszentrum habe sich nach Kräften bemüht, fehlendes Personal zu kompensieren, versicherte TBZ-Mann Geoffrey Warles. Bei der Müllabfuhr habe man mehr Touren fahren können als zunächst erwartet; besonderes Augenmerk habe man auf sensible Bereiche wie Innenstadt und Hafen gelegt. Heute wolle man versuchen, in den vernachlässigten Straßen nachzuleeren. „Doch alles werden wir nicht schaffen“, bedauerte er. Heißt, einige Haushalte werden – abhängig von den vereinbarten Intervallen – eine, zwei oder gar vier Wochen auf ihrem Müll sitzen bleiben.

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