Flensburgerin im Interview : Jetzt darf Simone Lange loslegen

„Den Weg zur Arbeit werde ich, wenn immer es möglich ist, mit dem Fahrrad zurücklegen – oder mit dem Bus“, sagt die frisch vereidigte Oberbürgermeisterin.
„Den Weg zur Arbeit werde ich, wenn immer es möglich ist, mit dem Fahrrad zurücklegen – oder mit dem Bus“, sagt die frisch vereidigte Oberbürgermeisterin.

Nach sieben Monaten im Wartestand tritt Ex-Landtagsabgeordnete am Montag ihr neues Amt als Oberbürgermeisterin an.

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14. Januar 2017, 14:00 Uhr

Flensburg | Sie sind jetzt eine Nacht als Oberbürgermeisterin vereidigt. Schläft man da anders, Frau Lange?

Ich ehrlich gesagt nicht. Die Kinder vielleicht, die hat der Tag auch bewegt. Jetzt freuen wir uns aber auch darauf, dass der Alltag wieder einkehrt.

Zwischen Wahl und Amtsantritt sind sieben Monate vergangen. Wie haben Sie diese sieben Monate erlebt?

Bis November war ich ja noch mit beiden Beinen im Kieler Landtag und habe mich bis zum Schluss mit aller Energie eingebracht. Noch Ende Oktober/Anfang November ging es zum Beispiel um die Einführung des Sturmgewehres G36 bei der Polizei, und ich war polizeipolitische Sprecherin. Die Abgabe des Mandats war so ein Punkt von hundert auf null. In den acht Wochen Pause durfte ich im Rathaus diverse Vorbereitungen genießen. Es war extrem wertvoll, dass die Mitarbeiter mich bereits in Themen, Techniken und Verfahrensweisen eingeführt haben. So kann ich am Montag kommen, den Rechner anschalten und loslegen.

Nun ist in diesen Monaten in der Flensburger Politik Interessantes passiert – von der Kita-Qualitätsoffensive bis zu Beteiligungsverfahren zu Innenstadt und Hafen. Waren Sie da schon involviert?

Politisch schon, zumindest informiert. Natürlich werde ich bei großen Themen wie der Kita-Offensive auch nach meiner Position gefragt. Den Ausschlag geben aber am Ende die Fraktionen und der Rat. Da bin ich bei keinen internen Sitzungen beteiligt gewesen.

War dieser lange Übergangszeitraum für Sie manchmal schwer zu ertragen?

Für einen ungeduldigen Menschen wie mich ist das schwer zu ertragen. Aber daran kann ich auch Geduld lernen.

Wir interessieren uns auch für Nebensächlichkeiten: Bleibt das Büro im 13. Stock? Welchen Dienstwagen werden Sie fahren?

Das Büro bleibt erstmal, wie es ist. Es geht ja nicht um meine persönliche Befindlichkeit. Es geht darum, dass die Arbeitsabläufe im Rathaus räumlich so gestaltet sind, dass sie nach innen für die Mitarbeiter und nach außen für die Bürger gut funktionieren. Auch nach dem Dienstwagen werde ich auf der Straße immer wieder gefragt. Ich habe meinen Privatwagen verkauft, den ich mir auch nur gekauft hatte, weil ich damit nach Kiel fahren musste. Den Weg zur Arbeit werde ich, wenn immer es möglich ist, mit dem Fahrrad zurücklegen – oder mit dem Bus. Im Rathaus selbst steht mir ein Dienstwagen zur Verfügung, den ich für Fahrten nach Kiel, Kassel oder Berlin sicher auch mal nutzen werde.

Als konkretes Wahlversprechen blieb zum Beispiel in Erinnerung: Keine Flüchtlingsunterkünfte über 100 Personen. Nun hat die Stadt gerade die kleineren Unterkünfte geschlossen und konzentriert die Asylbewerber in den beiden großen Gemeinschaftsunterkünften in Weiche. Jetzt haben wir also zwei große Unterkünfte mit deutlich mehr als 100 Menschen und eine leerstehende in der Kanzleistraße. Wollen Sie daran etwas ändern? Dabei bleibe ich auch: Flüchtlingsunterbringung möglichst dezentral und in gemischten Wohngebieten. Wir möchten nicht so gerne einen Ort, an dem mit mehr als 100 Personen nur Geflüchtete leben. Sie sollen ja schnellstmöglich Kontakt zur Bevölkerung bekommen, weil das der erste Schritt zur Integration ist. Dass auf der Exe die Wohncontainer bald leergezogen werden, ist in meinem Sinn. Das ist auf Dauer nicht die Wohnqualität, die wir anbieten wollen.

In der Kanzleistraße könnten doch sofort 70 bis 100 Leute einziehen, oder nicht?

Das ist dann zu prüfen. Bei meinem Ziel bleibt es auf jeden Fall.

Stichwort sozialer Wohnungsbau: Ist eine Quote von 30 Prozent wie beim Schwarzental in der Neustadt für Sie ausreichend?

Die Quote ist, glaube ich, mal auf 30 Prozent angehoben worden, was gut ist. 30 Prozent müssen es sicherlich mindestens sein.

Es gab aber zuletzt auch größere Neubauvorhaben in der Stadt ganz ohne sozialen Wohnungsbau...

... dann müssen wir auch so konsequent sein, diese politisch gewünschte Quote durchzusetzen. Ob die Quote ausreicht, muss man dann prüfen. Wir müssen auch gemeinsam auf die ganze Stadt schauen. Kann man vorhandenen Leerstand so modernisieren, um bezahlbaren Wohnraum anbieten zu können? Ich bekomme sehr viele Hinweise auf Leerstände in der Stadt. Oder der Zustand ist so schlecht, dass man es niemandem zumuten kann.

Gibt es ein Thema, das hervorsticht, das Montag auf dem Schreibtisch liegt?

Es gibt mehrere Themen, die von hoher Bedeutung sind.

Welches sind die drei, vier wichtigsten?

Obenauf liegt das Thema Bildungslandschaft, auch weil es mit der Kita-Offensive verbunden ist. Wir haben mit der Kita-Qualität richtig etwas vor. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die mehr als 100 Erzieherstellen dieses Jahr auch besetzt werden. Sonst greift die Offensive nicht. Ebenfalls von hoher Bedeutung ist die Planung von drei neuen Grundschulen. Ganz positiv: Wann plant eine Stadt schon mal drei neue Schulen? Auch das muss vorankommen, wenn wir 2018 schon die ersten Schritte sehen wollen. Die Verzahnung der Bildungslandschaft mit der Wirtschaft ist von Bedeutung, und da schließe ich die Hochschulen ein. Die Wirtschaft sagt, es gibt einen Fachkräftemangel – und wir haben das Wissen und die Ausbildungsstätten. Auch die berufsbildenden Schulen sind wichtig. Wohnen ist das vierte Thema. Wir müssen uns um alles kümmern. Wir haben eine große, starke Verwaltung, die das kann. Die muss das auch machen.

Sie haben nach der Wahl monatliche Rechenschaftsberichte vor dem Rat angekündigt. Wann kommt der erste?

Richtig, ich hatte zugesagt, mich im Rat häufiger zu Wort zu melden, und – wann immer die Politik es wünscht – Rechenschaft abzulegen. Wenn ich einen Wunsch äußern darf, möchte ich, dass man uns allen gemeinsam die berühmten 100 Tage gibt, um uns aufzustellen, nicht nur mir, sondern auch den Mitarbeitern, sich auf mich einzustellen.

Die Stadtteilforen wünschen sich mehr Transparenz bei Projekten in ihren Vierteln.

Dieser Wunsch kommt schon lange aus den Foren, und da müssen wir einen Weg finden. Ich möchte Transparenz darüber, wie Verwaltung handelt und wofür unser Geld ausgegeben wird.

Welches ist Ihre grenzüberschreitende Lieblingsidee?

Sie ist nicht visionär: Warum haben wir es noch nicht geschafft, eine grenzüberschreitende Schnellbusverbindung herzustellen, die vor allem unseren Studierenden hilft, aber uns dann auch...

Und wie ist Ihre Position zum Bahnhof vs. Weiche oder Grenzbahnhof?

Wir sollten es beim Standort des Hauptbahnhofs belassen. Der ist nicht weit weg von der Innenstadt. Die Frage ist: Wie öffnen wir den Bereich vor dem Bahnhof so, dass es eine Sichtlinie zur Innenstadt wird? Und das Bahnkreuz Flensburg können wir auch am jetzigen Standort stärken.

Wie fühlt es sich an, die erste Frau im Amt der Oberbürgermeisterin zu sein? Und hat das überhaupt einen Einfluss, oder spielt es keine Rolle?

Ich weiß, dass ich die erste Frau in diesem Amt bin, aber ich würde keine Unterschiede machen. Andererseits bekomme ich die Rückmeldung: Man merkt, dass es eine Frau ist. Vielleicht ist es mal ganz gut, dass der andere Aspekt zum Tragen kommt: Mit der Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar haben wir jetzt eine weibliche Doppelspitze. Und ich bin froh über die paritätisch besetzte Verwaltungsspitze mit Henning Brüggemann als Bürgermeister.

Am Sonntag ist Ihr erster offizieller Arbeitstag. Haben Sie Termine?

Ja, ich besuche ein Konzert in der Musikschule – sie haben mich eingeladen, und ich habe zugesagt.

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