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Flensburger Tageblatt

25. November 2017 | 10:53 Uhr

Insolvenz : Jepsens Kampf ums Überleben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Brutaler Verdrängungswettbewerb mit Handelsketten / Geschäftsbetrieb wird fortgeführt / Gehälter der 135 Beschäftigten bis Ende Juni gesichert

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2016 | 09:00 Uhr

Noch im vergangenen Jahr kürte sie die Gourmet-Zeitschrift „Der Feinschmecker“ zu einer der besten Metzgereien Deutschlands. Jetzt hat diesen Qualitätsbetrieb und seine 135 Mitarbeiter der Markt erwischt. Die Metzgerei Claus Jepsen mit Sitz in der Angelburgerstraße hat am Freitag Insolvenz angemeldet, im 40. Jahr ihres Bestehens. Der vorläufige Insolvenzverwalter Rechtsanwalt Peter-Alexander Borchardt verspricht: „Wir werden alles versuchen, die Arbeitsplätze zu sichern.“

Mit dem in zweiter Generation von Malte Jepsen geführten Betrieb ist ein traditionelles klassisches Familienunternehmen in Schwierigkeiten gekommen, das in Flensburg fünf Filialen aufgebaut hat, ferner eine Restauration im Citti-Park, einen Cateringservice und einen Online-Shop unterhält und an der Viktoriastraße eine eigene Produktionsanlage betreibt. Jepsen ist in dieser Struktur eines der größten Unternehmen in Schleswig-Holstein und hat regelmäßig Auszeichnungen für Spitzenqualität der in Flensburg hergestellten Fleisch- und Wurstwaren eingeheimst. Doch vor der Insolvenz retten konnte Qualität das Unternehmen offenbar nicht. Malte Jepsen, Inhaber und Geschäftsführer, sieht im Konkurrenzdruck der großen Handelsketten eine der maßgeblichen Ursachen dafür, dass sein Unternehmen in Schwierigkeiten kommen konnte. Hoher Preisdruck, geändertes Konsumverhalten und allgemein rückläufiger Fleischkonsum seien wesentliche Faktoren, so Jepsen gegenüber unserer Zeitung. Die Handelsketten hätten zudem die Wettbewerbsvorteile der regionalen Anbieter für sich übernommen: Bio-Produkte und Fleisch von regionalen Erzeugern seien lange Zeit Alleinstellungsmerkmale gewesen, die den kleineren Wettbewerbern jetzt fehlen.

Die Innung teilt diese Bewertung. Obermeister Bernd Carstensen bestätigt: „Das Geschäft für Fleischer-Fachgeschäfte ist in den vergangenen Jahren zunehmend schwieriger geworden. Zum einen verramschen die Discounter das Fleisch billig, um Kunden in die Läden zu locken. Zum anderen hat in der Fleischindustrie ein starker Konzentrationsprozess stattgefunden, der durch extreme Massenproduktion Preise erzielt, mit denen das traditionelle Fleischerhandwerk kaum mithalten kann“, so Carstensen.

Jepsen hatte in der Vergangenheit durch Diversifizierung noch Verluste ausgleichen können – dieses Mal aber offensichtlich nicht. „Anders als in der Vergangenheit konnte die Schlachterei Verluste aus dem Ladenverkauf zuletzt nicht mehr durch die Bereiche Gastronomie und Catering auffangen“, sagt Borchardt. Daher sei Jepsen keine andere Wahl geblieben, als Insolvenzantrag zu stellen. Die aktuellen Verbindlichkeiten des Unternehmens liegen nach erster Prüfung im mittleren sechsstelligen Bereich.

Für die Innung sind die Schwierigkeiten des Flensburger Betriebes ein alarmierendes Signal – auch für ähnlich aufgestellte Mitbewerber, die neben der klassischen Metzgerei Catering anbieten. „Das ist schwieriger geworden, weil im Catering normale Stundensätze wie im übrigen Handwerk nicht durchsetzbar sind“, meint der Obermeister. „Schließlich machen uns die enorm gestiegenen gesetzlichen und technischen Anforderungen an Hygiene und Dokumentation durch teure Kassensysteme ein wirtschaftliches Arbeiten schwer.“ Bereits vergangenen Dezember musste ein Fleischer-Fachgeschäft in Eggebek mit ebenfalls zahlreichen Mitarbeitern vorläufige Insolvenz anmelden. Carstensen fürchtet gar ein Sterben der Familienbetriebe. „Potenzielle Nachfolger stehen doch nur dann zur Verfügung, wenn sie auch Geld verdienen können.“

Für Jepsens Kunden hat das Insolvenzeröffnungsverfahren keine Konsequenzen: Der Geschäftsbetrieb wird an allen Standorten zunächst unverändert fortgeführt. Die Gehälter der Beschäftigten sind bis zum 30. Juni 2016 durch das Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit gesichert, so Borchardt. Es würden nun sämtliche wirtschaftlich sinnvollen Optionen geprüft. Dazu zählen etwa die Möglichkeit einer Sanierung oder die Übernahme durch einen Investor.

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