Unterkünfte für Zuwanderer : Jede Woche 15 neue Flüchtlinge

An der Osttangente (vorne links) plant das Land auf rund 10  000 Quadratmetern ein Flüchtlingsdorf aus bis zu acht Gebäuden als Erstaufnahmeeinrichtung.
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An der Osttangente (vorne links) plant das Land auf rund 10 000 Quadratmetern ein Flüchtlingsdorf aus bis zu acht Gebäuden als Erstaufnahmeeinrichtung.

Innenminister Studt erklärt den Flensburgern die Pläne für das Flüchtlingsdorf – auf kritische Fragen wie in Lübeck trifft er hier kaum.

Carlo Jolly. von
17. Juli 2015, 11:00 Uhr

Flensburg | Innenminister, Oberbürgermeister und beide Hochschulpräsidenten hatten zur Diskussion über das geplante Flüchtlingsdorf mit 600 Plätzen auf dem Campus geladen. Und damit sich die unerfreuliche Lübecker Diskussion um die Größe der Standorte nicht wiederholen möge, hatte das Innenministerium vorsichtshalber ein zehnseitiges Argumentationspapier auf jeden Stuhl legen lassen. Tenor: Eine Unterteilung des Dorfes auf drei Einheiten mit je 200 Plätzen bedeute eine erheblich höhere Belastung der Flüchtlinge, eine geringere Qualität der Angebote und damit eine schlechtere Voraussetzung für erfolgreiche Integration – bei deutlich höheren Kosten.

Nun wussten die rund 320 interessierten Bürger und Studenten also schon mal, was sie nicht fragen sollten, obwohl der Flüchtlingsrat in dieser Zeitung gerade das Gegenteil erklärt hatte – abgesehen von den Kosten. Diese kann das Innenministerium aber auch auf Tageblatt-Nachfrage nicht beziffern. So fand eine Diskussion über einen zweiten Standort – etwa im Bahnhofsumfeld oder am alten Güterbahngelände Peelwatt – gar nicht statt.

Innenminister Stefan Studt (SPD) warb bei den Flensburgern um Verständnis dafür, dass man angesichts von fast 1000 neuen Flüchtlingen pro Woche im Land aufs Tempo drücke: „Wir stehen vor großen Herausforderungen, ein Ankommen zu ermöglichen.“ Mit den vier neuen Erstaufnahmen in Flensburg, Kiel, Lübeck und nun auch Heide solle ein Zur-Ruhe-Kommen samt erstem Sprachunterricht und Integrationsorientierung ermöglicht werden. Statt derzeit zwei Wochen strebe man eine Verweildauer von sechs Wochen an.

Uni-Präsident Werner Reinhart berichtete, dass die Studenten in ihrem Projekt „Sprache für alle“ derzeit bereits 26 Kurse anbieten. Außerdem plane das Fach Ernährung ein gemeinsames Kochen als Aufforderung zum Dialog, und auch Musik- und Kunststudenten wollten Angebote machen für die Geflüchteten. „Wie meine Uni bislang reagiert hat, macht mich auch ein wenig stolz“, sagte der Präsident.

Für den fehlenden OB Simon Faber berichtete Bürgermeister Henning Brüggemann von der schwierigen Situation, Flüchtlinge bereits ohne Erstaufnahme auf dem abgegrasten Flensburger Wohnungsmarkt unterzubringen. Er berichtete von Plänen, das frühere Jugendaufbauwerk am Dammhof zur Unterkunft für Geflohene zu machen: „Wir müssen aber auch Szenarien durchplanen für alternative Unterkünfte.“ Der Verein Flüchtlingshilfe Flensburg sei derzeit dabei, ein Patenmodell für die private Aufnahme von Geflohenen zu entwickeln. Er rief auf, freien Wohnraum bei der Stadt zur Vermietung zu melden. Eine erste Stelle für die Flüchtlingskoordinierung hat die Stadt gerade ausgeschrieben, eine zweite soll folgen.

Derzeit halten sich in Flensburg nach Angaben von Stadtsprecher Clemens Teschendorf rund 400 Flüchtlinge auf – und es kämen jede Woche 15 dazu. Damit habe sich die Zahl in den vergangenen Monaten nahezu verdoppelt.

Nachfragen aus dem Publikum gab es vor allem zur geplanten Einzäunung und zu den Wachdiensten. Studt versprach: „Es wird keinen hohen Zaun geben, sondern eher ein begrünte Hecke.“ Nachdem aus dem Auditorium über diskriminierende Bemerkungen des Wachpersonals in Neumünster berichtet wurde, erklärte Studt, die Sicherheitsdienste müssten sorgfältig ausgewählt werden.

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