Flensburg : Jähes Ende eines Rettungswerks

Auswanderin Toni Kaz im Hühnerhof des Gutes.
Auswanderin Toni Kaz im Hühnerhof des Gutes.

Der Stadtteil Weiche erinnert an den Nazi-Überfall auf Auswanderer-Lehrgut Jägerslust vor 80 Jahren.

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19. Januar 2018, 16:06 Uhr

Die Geschichte des Gutes Jägerslust, vor allem jene während der Nazi-Zeit, als sich dort junge Juden für ihre Emigration vorbereiten konnten, lässt Daniel Abraham aus New York nicht los. Sie ist ein Teil seiner Familiengeschichte. Seine Mutter Toni Katz aus Gera in Thüringen hielt sich auf dem am westlichen Stadtrand gelegenen Auswandererlehrgut und Kibbuz auf, als in der Pogromnacht zum 10. November 1938 dem Rettungswerk und der Stätte jüdischer Selbstbehauptung ein jähes Ende bereitet wurde.

Den bevorstehenden 80. Jahrestag des Überfalls auf Gutshof und Kibbuz hat ein Initiativkreis unter dem Dach der Aktionsgemeinschaft gesunder Stadtteil Weiche zum Anlass genommen, sich mit diesem Kapitel Zeit- und Regionalgeschichte zu beschäftigen und Pläne für ein nachhaltiges Erinnern und Gedenken zu entwickeln. In einer Gesprächsrunde gestern im dänischen Versammlungshaus in Weiche, an der unter anderem Vertreter der Naturschutzstiftung, der Kirchen, der jüdischen Gemeinde, des Stadtteilforums und der Stadt teilnahmen, wurden erste Ideen diskutiert. Die Moderation lag in der Hand von Siegmund Pfingsten, wie etliche Gäste Gartenstadt-Bewohner und Jägerslust-Nachbar. Der Runde war es wichtig, rechtzeitig zu planen und örtliche Termine zum 80-Jahr-Gedenken abzustimmen.

Einigkeit bestand darin, die Informationsschilder und den 2004 von der Stadt Flensburg errichtete Info-Stand am Rande der ehemaligen Gutsanlage im heutigen Stiftungsland Schäferhaus inhaltlich und von der Gestaltung her zu überarbeiten. Unterstrichen wurde die Notwendigkeit, sich mit dem zeitgeschichtlichen Thema verstärkt der Jugend zuzuwenden. Als Zielgruppen wurden unter anderem Schüler, Konfirmanden und Pfadfinder genannt. „Es sollte ein Thema sein, das uns über das Gedenkjahr 2018 hinaus beschäftigt“, unterstrich Horst Otte vom Stadtteilforum. Auch wenn die Natur längst das Hofareal erobert hat und nur noch einige Fundamente und Mauerreste an die einstige Gutsherrlichkeit erinnern, dürfe – im übertragenen Sinne – „kein Gras darüber wachsen“, so Pastor Manfred Vetter von der Arche Flensburg-Weiche.

Erörtert wurde auch die Möglichkeit, anlässlich des 80. Jahrestages des vom Flensburger Polizeipräsidenten Hinrich Möller initiierten und angeführten Überfalls während der Pogromnacht Daniel Abraham aus New York nach Flensburg einzuladen. Er könne authentisch darüber berichten, welche Bedeutung das Auswandererlehrgut und der Kibbuz Jägerslust für seine Mutter hatten. „An diesem Tage hatten wir wirklich nichts zu lachen“, hatte sie ihrem Sohn einmal gesagt. Hinter diesem lapidar wirkenden Satz verbarg sich ihre dramatische Erfahrung während des nächtlichen Gewaltexzesses, verbunden mit Plünderungen, versuchten Brandschatzungen und Verhaftungen durch Nazi-Schergen. Toni Katz gelang 1939 die Flucht nach Holland. Dort bestieg sie zusammen mit etwa 400 weiteren jüdischen Hitler-Flüchtlingen einen klapprigen Dampfer, der sie illegal nach Palästina brachte, damals noch britisches Mandatsgebiet. 1948, also vor 70 Jahren, erlebte sie die Gründung eines eigenen Staates: Israel.

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