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Kolumne Fördeschnack : Integration im Überlandbus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie ein arabischer Flüchtling einen deutschen Busfahrer sicher zum Flensburger Zob dirigierte

shz.de von
erstellt am 24.Jul.2017 | 17:38 Uhr

 Völlig unbemerkt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat ein syrischer Flüchtling nach gut anderthalb Jahren in Flensburg in dieser Woche seine Prüfung beim Integrationskurs abgelegt – genauer, seine praktische Prüfung. Dass es zu dieser Prüfung kam, bemerkten allerdings sowohl der Prüfling als auch der Prüfer erst im Laufe des Verfahrens – genauer im Laufe der Fahrt.

Es war am Mittwoch um die Mittagszeit, als der junge Mann aus dem Nahen Osten in einen Überlandbus stieg, um nach dem B2-Sprachkurs seine rund einstündige Rückfahrt nach Flensburg anzutreten. Sie führt ihn jeden Tag seit Anfang Juni durch allerlei Dörfer und an Bushaltenstellen entlang, die sich für arabische Sozialisation ähnlich anhören müssen, als wären wir gerade in einem Omnibus irgendwo zwischen Aleppo und Homs unterwegs – wo die Haltestellen As Safrah, Nubl und Tall Rif‘at heißen.

Nun trug es sich in dem Überlandbus zu, dass der Fahrer sich gegenüber der übersichtlichen Zahl von Fahrgästen zum Start mit dem exklusiven Bekenntnis offenbarte, dass er hier zum ersten Mal fahre und die Strecke nach Flensburg mit ihren zig Haltepunkten gar nicht kenne. Auf die Frage, welcher Fahrgast den Weg gut genug wisse, um Rückfragen vom Fahrersitz beantworten zu können, meldete sich nach einigem Zögern allein der geflüchtete Syrer.

Probleme sehe er weniger bei der Wegstrecke, die er seit sechs Wochen täglich zweimal zurücklege, als bei der Verständigung, sagte der Araber – in grammatisch nahezu perfektem Deutsch.

Dennoch konnte der Flüchtling gar nicht so schnell reagieren, wie der Busfahrer sofort in die falsche Straße einbog. Was er jetzt bloß tun solle, fragte der junge Busfahrer. Rückwärts wieder raus und umkehren, verlangte der Flüchtling. Ob der Platz reiche? Muss reichen, befand der Fahrgast.

Nach dem erfolgreichen Passieren etlicher Haltepunkte war der junge Syrer froh, dass er bei früheren Fahrten nicht immer gelesen oder Hausaufgaben gemacht hatte, sondern sich zwei- bis dreimal den kompletten Weg gut eingeprägt hatte. Eine Haltestelle hätte der Fahrer samt wartendem Fahrgast beinahe übersehen, wenn der junge Araber nicht gebeten hätte, doch nochmal auf offener Strecke zu halten. Das sei schon aus einem anderen Grund nicht schlecht, ließ er den Fahrer wissen: Sonst sei der Bus viel zu früh in Flensburg. Also legte der Busfahrer nun an jeder Haltestelle eine kurze Pause ein.

In Flensburg angekommen, wagte der loyale Syrer nicht einmal, am Deutschen Haus auszusteigen, wie sonst üblich, von wo aus er auf dem kürzesten Weg seine Wohnung erreicht. Um ganz sicher zu gehen, begleitete er den Busfahrer lieber bis zum Ende der Fahrt – und zeigte ihn am Zob auch noch, an welchem Bahnsteig genau er halten müsse.

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