Handwerk in Flensburg : Integration absurd

Ein Vorbild, bei dem eine Vermittlung klappte: Metallbauer Mustafa Ahmadi kam 2016.
Ein Vorbild, bei dem eine Vermittlung klappte: Metallbauer Mustafa Ahmadi kam 2016.

Weil zwei Behörden sich nicht einigen, muss eine Gruppe Flüchtlinge die Berufsvorbereitung im Handwerk verlassen

shz.de von
12. Januar 2018, 06:45 Uhr

Beim schwierigen Geschäft der Berufsvorbereitung unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge hat sich die Handwerkskammer Flensburg durch ihr Engagement überregional einen Namen gemacht. In einer Mischung aus Sprachunterricht und Berufspraxis wurden binnen drei Jahren 170 junge Syrer, Eritreer, Iraker oder Afghanen auf eine Lehrstelle vorbereitet. Zum Teil mit erstaunlichen Vermittlungsquoten: Von der 24-köpfigen Pilotgruppe vom Oktober hielten 21 durch, von denen 18 einen Ausbildungsplatz oder ein Jahrespraktikum ergatterten. Im Durchschnitt seien es 70 Prozent im Projekt, das bereits Preise holte.

Dabei arbeite die Handwerker überwiegend reibungslos mit Jugendämtern aus ganz Deutschland zusammen, die für die jungen Flüchtlinge meist auch die Vormundschaft übernehmen. Deshalb sind Björn Geertz, Chef des Bildungszentrums der Handwerkskammer und seine Projektverantwortliche Katarzyna Hill fassungslos darüber, was sie jetzt mit einem Kurs mit sechs jungen Leuten aus dem Landkreis Rostock erleben: Mit dem 18. Geburtstag habe der Landkreis in Güstrow das Job-Projekt nacheinander für drei junge Flüchtlinge beendet – ungeachtet positiver Prognosen, Zeugnisse und der Not der regionalen Handwerksbetriebe, die in vielen Berufen von Metall bis Ernährung verzweifelt Lehrlinge suchen. Die Flensburger Arbeitsagentur zahlt für das erfolgreiche Projekt mehr als 4000 Euro pro Teilnehmer.

Als erster hatte ein junger Mann aus Gambia das Pech, volljährig nach Güstrow zurückbeordert zu werden. Am 20. Dezember feierte dann ein Eritreer Geburtstag. Zwei Tage vor Weihnachten habe er abreisen müssen. Geschäftsführer Geertz fragt sich zweierlei: „Erstens. Wo bleibt da die Menschlichkeit, wenn man zu Weihnachten aus einen geschmückten Einzelzimmer in eine Massenunterkunft abgezogen wird?“ Zweitens laufe das wider die Interessen des regionalen Handwerks: „Das sind Jungs, die gut sind und wollen.“ Der dritte, den das Schicksal traf, war ein junger Syrer, der gerne Koch lernen wollte und am Neujahrstag 18 Jahre alt wurde. Am 2. Januar musste er abreisen.

Bei allen Jugendlichen seien Anträge gestellt worden, diese über das 18. Lebensjahr hinaus im Projekt zu behalten. Offenbar ohne jegliche Rückmeldung aus Güstrow: „Wenn negativ entschieden würde, könnte man Widerspruch einlegen“, schimpft Geertz. „Aber wenn der Antrag gar nicht bearbeitet wird?“

Jetzt zittern vor allem die drei im Projekt verbliebenen jugendlichen Flüchtlinge mit Vormund in Güstrow. Als nächster wird ein junger Marokkaner am 24. Januar volljährig – und die Betriebe warten auf Rückmeldung, ob die Flüchtlinge ins Praktikum kommen.

Der Landkreis Rostock erklärte, dass die für Sterni-Park (wo die Jugendlichen lebten) zuständige Ausländerbehörde in Schleswig die ausländerrechtliche Betreuung nicht habe übernehmen wollen. Man bedauere, dass die Flüchtlinge nicht weiter in Mittelangeln bleiben konnten, so Sprecher Michael Fengler: „Der Landkreis Rostock ist rechtlich jedoch zunächst dazu verpflichtet, die jungen Männer bei Erreichen der Volljährigkeit wieder in seinem Zuständigkeitsbereich unterzubringen, da er nun für die Durchführung ihrer Asylverfahren zuständig ist.“ Die noch laufenden Umverteilungsanträge würden vom Landesamt bearbeitet.

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