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Mehr Schutz für Kinder : Instrumente gegen Kindesmissbrauch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flensburg ist Vorreiter in Sachen Prävention – Stadt und Beratungsstelle Wagemut veranstalten Reihe, um Schutzkonzepte zu entwickeln

Ist es in Ordnung, wenn ein Kind ein Weilchen bei der Erzieherin auf dem Schoß sitzt, weil es seine Mutter vermisst? Darf ein Pädagoge ein Kind tröstend umarmen, das weinend zu ihm kommt? Eine solche empathische Geste, Körperkontakt, sei in diesem Fall „eigentlich das Normalste“, stellt Karen Welz-Nettlau fest. Die Herausforderung besteht darin, „Sensibilität und den professionellen Umgang“ mit diesen Fragen zu erreichen. Bei diesem Thema liege Flensburg schon weit vorn, sagt die Leiterin des Fachbereichs Jugend und erinnert daran, dass es hier schon vor 25 Jahren einen Arbeitskreis gegen sexuelle Gewalt an Kindern gegeben habe.

Daraus sei wiederum Wagemut entstanden, die spezialisierte „pro familia-Beratungsstelle“, sagt Diplom-Pädagogin Marlena Beckmann von Wagemut. In Zusammenarbeit mit der Stadt veranstalten beide die Reihe „Prävention von sexualisierter Gewalt in Institutionen – Schutzkonzepte“ für pädagogische Fachleute von Schulen, Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen. Auftakt ist am Mittwoch mit einer Einführung ins Thema, fünf weitere Veranstaltungen zu Themen wie Risikoanalyse, Beschwerde und Beteiligung folgen bis Juni.

Die Flensburger seien die einzigen, hebt Beckmann hervor, die damit eine Regionalkonferenz zur Verhinderung sexuellen Kindesmissbrauchs vom Herbst 2015 fortsetzen und vertiefen. Unter anderem das Sozialministerium hatte die Konferenz seinerzeit initiiert. Beckmann holt ein bisschen weiter aus, um den Hintergrund zu erklären, beginnt mit den Vorkommnissen 2010 an der hessischen Odenwaldschule und nennt das Bundeskinderschutzgesetz, das mit dem 1. Januar 2012 Institutionen zur Prävention verpflichtete. Dass es einen Leitfaden und Beschwerdemanagement geben müsse, sei klar, jedoch bleibe das Wie den Einrichtungen weitestgehend überlassen. „Wir sagen, wie was umgesetzt werden kann“, bietet Marlena Beckmann Hilfestellung an. Beim letzten Termin der Veranstaltungsreihe im Juni wird die Beraterin von Wagemut zusammen mit den Kolleginnen des Fachbereichs Jugend unter dem Titel „Handlungsschritte“ darüber referieren.

Ziel der Veranstaltungsreihe ist, die Institutionen zu befähigen, ein Schutzkonzept zu entwickeln. Eines, das auch für die Ebene vom Jugendlichen zum Jugendlichen funktioniert, nicht nur zwischen Kind und Pädagoge. „Das“ eine Schutzkonzept würde nicht passen, sagt Elisabeth Gershoff, die seit viereinhalb Jahren als Schulsozialarbeiterin tätig ist. „Wichtig ist, dass es einen Reflexionsrahmen gibt, wo das immer wieder besprochen werden kann“, betont sie. Zunächst bedürfe es einer Bestands- und Risikoanalyse, erläutert Daniela Dünnebeil vom Fachbereich Jugend. Sie gibt Beispiele, was geklärt werden müsste: Wo werden Übergriffe begünstigt, welchen Verhaltenskodex gibt es? Kinderrechte müssen gestärkt werden, nennt Dünnebeil ein Ziel. Die Kinder müssen die Möglichkeit haben, sich zu beschweren, und darin bestärkt werden, nein sagen zu dürfen. Auch müsse klar sein, was mit einer Beschwerde passiere. Karen Welz-Nettlau ergänzt hierzu, dass auch das Verfahren mit „falschen Beschuldigungen“ geklärt sein müsse. Die Reihe diene schließlich dazu, die pädagogischen Fach- und Führungskräfte mit Handwerkszeug auszustatten, fasst Daniela Dünnebeil zusammen: „Je handlungssicherer die Fachkräfte sind, desto besser ist es für alle.“

Täter, sagt Elisabeth Gershoff, zieht es dorthin, wo es unklare Strukturen gebe. „Mit einem Schutzkonzept wollen wir es den Tätern schwer machen.“

Belastbares Zahlenmaterial gibt es wenig, weiß Gershoff. Wagemut als Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen schreibt in ihrer Statistik, dass die Zahl der Beratungen im Jahr 2011 zum ersten Mal auf über 400 anstieg. Das Spektrum der Vorfälle reiche von „unabsichtlichen Grenzverletzungen“ bis hin zu „strafrechtlich relevanten sexuellen Übergriffen“, erinnert Marlena Beckmann von Wagemut und verweist auf eine Dunkelziffer. „Es gibt sie, die Fälle von Übergriffen in Institutionen“, sagt Anke Gerundt vom Fachbereich Jugend. „Ob einer oder zehn – jeder ist zu viel.“


Kontakt: Beratungsstelle Wagemut, Ansprechpartnerin Marlena Beckmann, Telefon 0461-9092630, Email: info@wagemut.de

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erstellt am 06.Feb.2017 | 06:00 Uhr

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