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Flensburger Tageblatt

13. Dezember 2017 | 21:49 Uhr

Lesung : In Sibirien den Lebensmut bewahrt

vom

Lesung in Gelting aus den Erinnerungen Elisabeth Lorenzens an vier Jahre Zwangsarbeit. Große Resonanz machte Neuauflage erforderlich.

shz.de von
erstellt am 15.Mai.2013 | 07:26 Uhr

Gelting | Vor lauter Ergriffenheit war am Ende zunächst alles still. Erst nach einiger Zeit setzte verhaltener Applaus ein. Zuvor hatte Kurt Rohde im Gasthof Gelting etwa eine Dreiviertelstunde aus den Erinnerungen von Elisabeth Lorenzen vorgelesen, zunächst von ihrer Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in Pommern berichtet, dann von ihrer Gefangennahme durch die Russen 1945 bei Kriegsende. Die damals 17-Jährige wurde nach Sibirien verschleppt und erlebte dort vier Jahre Zwangsarbeit jenseits des Urals. Erst im April 1949 kehrte sie zurück zu ihrer Familie, die es in der Zwischenzeit nach Eggebek verschlagen hatte.

Lorenzens früherer Nachbar Rohde hatte "die Zeitzeugin" vor einem Jahr mehrfach interviewt, die Gespräche aufgezeichnet und das Ergebnis in einem kleinen Buch zusammengefasst. Ein Bericht darüber in unserer Zeitung und über die darin geschilderten Ereignisse hatte unerwartet viel Resonanz hervorgerufen. Sie führte zu einer Neuauflage und auch zu der Lesung im mit mehr als 100 Zuhörern vollbesetzten Saal des Gasthofes.

Zu Beginn der Lesung räumte Rohde ein, mit solchem Nachhall habe niemand gerechnet. Dann ging er auf den Inhalt des Buches ein. Dort verwendete Begriffe wie "Russenweiber" hätten nichts mit Herabsetzung oder Revanchismus zu tun, sondern entsprächen dem damaligen Sprachgebrauch.

Unter Bezug auf die furchtbaren Geschehnisse jener Zeit stellte er klar: "Wir wissen alle, was die wirkliche Ursache war."

Er erinnerte daran, dass neben unzähligen Kriegsgefangenen mehr als eine Million deutsche Zivilisten nach Russland verschleppt wurden, darunter über 800 000 Frauen. Die geforderte Zwangsarbeit sei als Reparationsleistung für die deutschen Zerstörungen angesehen worden. Viele hätten die Strapazen nicht überlebt. Zur Gegenwart umschwenkend, wies er auf aktuell 104 bewaffnete Konflikte weltweit hin. "Was hat die Menschheit gelernt? Ich bin da skeptisch", so Rohde.

Nach der Lesung bewunderte eine Zuhörerin die deutlich erkennbare Lebensbejahung, die trotz des erlebten Leides aus dem Buch spreche. Die 85-jährige Lorenzen bezeichnete sich auf diese Bewunderung reagierend als optimistischen Menschen. Momente tiefster Verzweiflung habe sie nicht empfunden, denn "ich war ja nicht allein". Die Schicksalsgemeinschaft in der Gruppe mit den anderen Zwangsarbeiterinnen habe ein gewisses Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Zudem sei die Behandlung durch die Russen in Sibirien zumeist ordentlich gewesen. In ihre pommersche Heimat ist Lorenzen nie zurückgekehrt.

Rohde teilte mit, er habe nach dem Abfassen des Textes zunächst zwei Bücher drucken lassen, je eines für Lorenzen und sich. Für Freunde und Verwandte seien dann zweimal zehn nachgeordert worden. Die gegenwärtige große Nachfrage habe zum Druck von weiteren 125 Exemplaren geführt. Zusätzlich gebe es noch vierzehn neue Bestellungen.

Am Ende der Veranstaltung waren Lorenzen und Rohde noch einige Zeit beschäftigt, die zahlreichen Signier-Wünsche zu erfüllen. Dabei kam es auch zu einem kurzen Gespräch mit einer Frau, deren Familie aus einem Nachbardorf in Pommern stammt und deren Tante 1945 während der Zwangsarbeit in Sibirien starb. Erst 1999 gab es dazu eine Bestätigung vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes.

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