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Kriminalität : In Freiheit – aber mit Fußfessel

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Adam arbeitet als Solarzellen-Monteur, obwohl er zeitgleich eine Haftstrafe wegen einer Gewalttat verbüßen muss. Sein Leben muss der 25-Jährige jetzt ganz anders planen.

shz.de von
erstellt am 26.Apr.2014 | 15:48 Uhr

Apenrade | Es ist 8.15 Uhr – ein Morgen wie jeder andere. Der 25-jährige Adam ist dabei, seine Wohnung zu verlassen. Er arbeitet als Solarzellen-Monteur und hat einen längeren Weg zur Arbeit. Um sein Fußgelenk, gut verborgen unter Arbeitshose und Socken, schließt sich ein Plastikband, das einen kleinen Chip enthält, der wiederum Verbindung zu einem Sender in der Wohnung hat. Adam wird 24 Stunden am Tag überwacht: Er ist einer jener Nordschleswiger, die gegenwärtig ihre Haftstrafe mit Fußfessel verbüßen.

Im Dezember ist Adam wegen einer Gewalttat zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilt worden. Als sich ihm die Chance bot, den Freiheitsentzug mithilfe einer Fußschelle abzusitzen, war er nicht eine Sekunde darüber im Zweifel, dass dies eine gute Alternative sei. „Mein jüngerer Bruder ist krebskrank, und ich möchte ihn gern so oft wie möglich sehen. Gleichzeitig habe ich meine Arbeit, einen Job, der mir Spaß macht – und den ich im Fall eines Gefängnisaufenthalts hätte aufgeben müssen. Mein Leben würde auf Stand-by ablaufen“, wie Adam sagt.

Am 11. März bekam er seine Fußschelle. Anfangs habe er sich erst an das schwarze Band an seinem Gelenk gewöhnen müssen; inzwischen aber spüre er es kaum noch. Auch den Sender in seiner Wohnung mit dem Telefonhörer nehme er kaum noch wahr.

Der Sender erfasst, ob Adam zu den zuvor in einem Aktivitätsschema vereinbarten Zeiten kommt und geht. Seinen Tagesablauf hat die Kriminalvorsorge erarbeitet. Adams Alltag ist bis ins kleinste Detail geplant: Käme er auch nur mehr als fünf Minuten zu spät, würde der Alarm einsetzen, was bedeutet, dass Adam den Rest seiner Freiheitsstrafe in einer Vollzugsanstalt verbringen müsste.  „Man fühlt sich in die Teenager-Jahre zurückversetzt, wo es was setzt, wenn man zu spät nach Hause kommt. Die ersten Wochen waren daher schwierig, weil es anstrengend gewesen ist, den Plan einzuhalten. Man kann nicht einfach mit Freunden schwofen gehen oder mal eben spontan einkaufen“, betont Adam.

Vor allem der psychische Druck, den Plan einhalten zu müssen, führt laut Kriminalvorsorge dazu, dass einige Verurteilte sich dafür entscheiden, ihre Reststrafe in einem Gefängnis statt mit Fußschelle abzubüßen. Adam kann das nicht nachvollziehen: „Es ist natürlich nicht gerade angenehm, an einen genau festgelegten Plan gebunden zu sein. Auch ist es schon irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, wenn die Kriminalvorsorge mehrmals wöchentlich unangemeldet auftaucht. Aber das ist okay, gibt mir doch die Fußschelle die Chance, ein normales Leben zu führen und zugleich meine Haftstrafe zu verbüßen, sodass mir ein Aufenthalt im Gefängnis erspart bleibt“, meint Adam.

Die Hälfte seiner Strafe hat Adam bereits verbüßt, und er freut sich schon darauf, die Fußschelle wieder loszuwerden. „Dann werde ich mich mit meinen Freunden treffen, grillen, angeln gehen – und meinen kleinen Bruder im Krankenhaus besuchen. Umziehen werde ich auch, denn im September beginne ich an der Universität ein Maschinenbaustudium“, verrät er.
 

* Adam ist ein Pseudonym. Der richtige Name des Verurteilten ist der Redaktion bekannt.

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