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Diskussion : „In der Minderheit fehlt Zivilcourage“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Borgerforeningen kam der Ruf nach einer Quote für Südschleswiger bei Stellenvergabe in dänischen Einrichtungen auf - und der politische Alleinvertretungsanspruch des SSW wurde hinterfragt.

shz.de von
erstellt am 13.Sep.2013 | 19:06 Uhr

Eine Quote, die Nachwuchs aus der Minderheit bei Stellenbesetzungen mit 2:1 gegenüber Zugezogenen aus Dänemark bevorzugt. Ein Ombudsmann, der bei Konflikten das Handeln der Minderheits-Institutionen durchleuchtet. Eine angstfreie Debatten-Kultur. Und eine Aufgabe des Alleinvertretungsanspruchs des SSW für die Minderheit. Das sind einige der Forderungen, die am Donnerstag bei einem Diskussionsabend im Flensburger Borgerforeningen auf den Tisch kamen. Eingeladen hatten zwei Flensburger, die seit Jahrzehnten als Dissidenten im dänischen Bevölkerungsteil gelten: Lene Bastiansen und Henrik Vestergaard. Titel der Veranstaltung: „Gibt es die Freiheit, sich in den Minderheiten frei zu äußern?“

Die pensionierte einstige Lehrerin der Gustav-Johannsen-Schule meint Nein. Sie sprach vor 20 Teilnehmern von einer weit verbreiteten Haltung nach dem Motto: „Sag bloß nichts – sonst wirst du nichts.“ Bastiansen leitet dies aus zahlreichen Beifallsbekundungen hinter vorgehaltener Hand ab, die sie auf frühere Leserbrief-Äußerungen in „Flensborg Avis“ bekommen haben will. Kaum einer der Unterstützer habe sich jedoch getraut, sich öffentlich zu äußern. Etwa, um die eigenen Kinder auf dänischen Schulen oder anderen Familienmitgliedern mit Arbeitsplatz in der Minderheit zu schützen.

Bastiansen kritisiert(-e) damals wie heute, dass sich die Führungsposten in den dänischen Einrichtungen ihrer Ansicht nach zu stark in den Händen von zugezogenen „Reichsdänen“ aus Dänemark befänden. Die einheimischen Südschleswiger hingegen gingen allzu oft leer aus – auch bei den Lehrerstellen, wo Bastiansen mehr als die Hälfte von „Reichsdänen“ besetzt sieht. Nachwuchstalente aus den eigenen Reihen zögen deshalb weg. „Nur Hausmeister und Putzfrauen – das durften wir immer uneingeschränkt werden.“ Dass ihre Tochter auf 30 Bewerbungen als Lehrerin beim Dänischen Schulverein 30 Absagen kassierte, führt Bastiansen auf „Sippenhaft“ zurück. An einer englisch-deutschen Schule in Kiel sei ihre Tochter sofort eingestellt worden.

„Paragraf eins in der Minderheit ist, dass man einig ist“, bemängelte Henrik Vestergaard. Er wünscht sich „ein Selbstverständnis von Dänentum südlich der Grenze, das sich selbst trägt ohne die Bewilligungen des dänischen Staates“. Vestergaard, der Mitglied der FDP ist, plädiert dafür, dass der SSW seinen Alleinvertretungsanspruch für die dänische und friesische Minderheit aufgibt. Glücklicherweise gebe es aller internen Kritik zum Trotz inzwischen zwei Landtagsabgeordnete anderer Parteien mit dänischem Hintergrund: die Schleswiger Sozialdemokratin Birte Pauls und den Flensburger Grünen Rasmus Andresen. Doch beide würden in der Minderheit offiziell „als Verräter betrachtet“. Bei Pauls habe ihr Engagement in der SPD zu Konflikten mit ihrem bisherigen Arbeitgeber, dem dänischen Gesundheitsdienst, geführt.

Vestergaard beklagte, es gebe zu viele Tabu-Themen in den eigenen Reihen. Etwa darüber, dass auf einen dänischen Schüler doppelt so viele öffentliche Bewilligungen entfielen wie auf einen regulären deutschen Schüler. Ein weiteres Tabuthema sei, dass der Zuspruch dänischer Schulen seiner Wahrnehmung nach auch damit zu tun habe, dass es dort keine Kinder mit Migrationshintergrund gebe – dass also Eltern ihren Nachwuchs bewusst auf eine dänische Schule schicken, so Vestergaard, um eine gemeinsame Schullaufbahn ihrer Kinder mit türkischstämmigen Mitschülern auf den regulären deutschen Schulen zu vermeiden.

Dass die Organisationen der Minderheit zu stark von oben gesteuert seien, beklagte Uwe Ehrich, dänischer Lehrer im Ruhestand aus Husum und dort als SSW-Mitglied Vorsitzender des städtischen Kulturausschusses. Er hält eine parlamentarische Organisation der Minderheit für notwendig.

Kräftiger Gegenwind kam von Per Kristian Gildberg, dem aus Norwegen stammenden Vorsitzenden des dänischen Schulvereins. Viele Südschleswiger zeigten überhaupt kein Interesse, am demokratischen Prozess in den Institutionen teilzunehmen. „Wir können uns nicht zurückziehen, nur weil es einige Südschleswiger gibt, die sich gar nicht zu Wort melden“, sagte Gildberg. Er verwies darauf, dass Anstellungen an den Schulen auf Vorschlag der Eltern und keineswegs auf Initiative der Chefetage erfolgten. Bei der Personalauswahl gehe es einzig um Qualität und darum, welche Fächerkombinationen zum aktuellen Bedarf passen. „Vielleicht war sie nicht die Beste, vielleicht hatte sie nicht die richtigen Fächer“, sagte er über Bastiansens Tochter. Auch andere Teilnehmer kritisierten, dass Bastiansen zum Teil mit einem Fall aus der eigenen Familie argumentiert: „Das beruht auf einer Behauptung, es ist kein Beweis.“ Zudem sei fast die Hälfte der Schulleiter aus Südschleswig. Gildberg sieht die Motivation, eine dänische Schule zu wählen, für Eltern darin, „dass sie die Pädagogik interessant finden“. Und ohne die Verbindung zum dänischen Staat könne Südschleswig nicht existieren – „sonst können wir dicht machen“.

Zu- und Widerspruch ernteten die Gastgeber des Abends beim Friesen Thede Boysen, einst Leiter des Minderheitensekretariats beim Bund in Berlin, Ex-SPD-Kandidat als Flensburger Oberbürgermeister und heute Büroleiter von Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer. „Da ist nicht so viel Zivilcourage bei den dänischen Südschleswigern“, meinte er. Trotzdem werde man nichts bewirken, wenn man nicht in den vorhandenen Institutionen für seine Rechte kämpfe. „Selbstmitleid hilft keinem weiter.“ Auch würden Bastiansen und Vestergaard zu stark „alte Kriegsverletzungen“ betonen. Um etwas zu bewirken, müssten die Kritiker überdies klarere Ziele formulieren. „Etwas diffus“, fasste er den Auftritt der Initiatoren zusammen.

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