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Flensburger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 09:18 Uhr

Immer mehr Flensburger ausgebrannt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zahl der Burn-out-Patienten nimmt an der Förde weiter zu / Psychologin: „Wir können uns kaum noch retten vor Anmeldungen“

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2014 | 07:30 Uhr

Die Arbeit hat ihn bis in den Schlaf verfolgt. Es gab Tage, da sei er zu müde gewesen, um zu essen, berichtet Elektrotechniker Willi Hentze*. Es sind die Folgen von 60 bis 70 Stunden Arbeit pro Woche. Diagnose: Burn-out. Seit Ende April ist der 57-jährige Flensburger krankgeschrieben.

Hentze ist kein Einzelfall. Das bestätigt die Flensburger Psychologin Marietta Blaue, die in ihrer Praxis Burn-out-Therapiegruppen anbietet. „Wir können uns kaum noch retten vor Anmeldungen.“ Die Psychologin behandelt die Patienten in zwei Gruppen mit je neun bis zehn Teilnehmern neun Monate lang. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen. „Wir haben auf der Warteliste genug Personen für eine dritte Gruppe.“

Handlungsbedarf sieht auch Professor und Stressforscher Toni Faltermaier von der Universität Flensburg. Dort spielen Stress und Stressbewältigung seit etlichen Jahren eine Rolle in der Gesundheitsforschung. Die Gründe für ein Burn-out seien vielfältig, komplex und kein Phänomen, das regional begrenzt ist, sagt Faltermaier. Betroffen seien vor allem Personen, die sich „sehr lange Zeit in ihrer Arbeit und für andere Menschen“ engagiert haben. „Sie haben mit dem zunehmenden psychischen Druck in der Arbeitswelt zu tun, mit hohen Leistungsanforderungen in vielen Berufen bei gleichzeitiger Konkurrenz–Atmosphäre.“

Das kann Willi Hentze bestätigen. Die Aufgabenfülle habe immer weiter zugenommen. „Ich musste mich für jeden Toilettengang bei Vorgesetzten rechtfertigen.“ Den konkreten Einzelfall kennt Professor Faltermaier nicht, aber grundsätzlich sagt er: „Ständige Überstunden und fehlender Ausgleich und Regeneration in der Freizeit spielen eine große Rolle.“

Das hat auch die Stadtverwaltung erkannt. So werden Führungskräfte geschult, um bei einem sich andeutenden Burn-out ihrer Mitarbeiter frühzeitig reagieren zu können. Für Mitarbeiter gebe es verschiedene Seminare zur Vorbeugung, darunter Entspannungstechniken, Yoga, Zeitmanagement und Stressbewältigung – nicht ohne Grund. „Aus Gesprächen und Rückmeldungen lässt sich eine Zunahme der Burn-out-Fälle bei uns erkennen“, sagt Pressesprecher Thomas Kuchel. Genaue Zahlen lägen der Stadt nicht vor, da sie die genauen Diagnosen der Ärzte nicht erhalten.

Auch die betroffenen Mitarbeiter sieht Faltermaier in der Pflicht. „Jeder Mensch kann aber auch selbst etwas dazu beitragen, indem er seine Belastungen wahrnimmt und geeignete Bewältigungsstrategien gegen den eigenen Stress entwickelt.“ Ob Sport, soziales Engagement oder Familie – die Möglichkeiten sind vielfältig und individuell. Kurzum: Anerkennung von anderen spielt eine zentrale Rolle, wie Psychologin Blaue bestätigt. „Geld kann auch wichtig sein, aber eben als Anerkennung.“ Zugleich beklagt sie, dass Burn-out noch immer nicht überall als Krankheit anerkannt sei. Blaue: „Psychische Erkrankungen sind oft noch ein Tabu, da sie nicht lokalisierbar sind.“

Das sieht auch Willi Hentze so. „Ältere Personen würden sich nie eingestehen, ausgebrannt zu sein.“ Auch er selbst habe sich damit anfangs schwer getan. Darüber kann er mittlerweile nur den Kopf schütteln. Arbeitstauglich sei er zwar immer noch nicht, doch Hentze will möglichst bald ins Berufsleben zurückkehren. Mit höchstens 40 Stunden Arbeit pro Woche.

(* Name geändert)

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