Jahresrückblick Flensburg : Im Zeppelin von Wolke zu Wolke

Loch in den Wolkenschleiern: Der Zeppelin über Sonwik, fotografiert aus einem Begleitflugzeug.
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Loch in den Wolkenschleiern: Der Zeppelin über Sonwik, fotografiert aus einem Begleitflugzeug.

Persönlicher Jahresrückblick: Das Wetter machte einem erlebnisreichen Flug über Flensburg einen Strich durch die Rechnung

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02. Januar 2018, 10:14 Uhr

Ein Zeppelin kommt nach Flensburg – Hammer-Nachricht für einen Fan alter Technik und Eckener-Begeisterten sowieso. Zeppeline waren mehrfach über Norddeutschland unterwegs, zu einem Besuch in der Stadt Hugo Eckeners hat es nie gereicht.

Und nun die Nachricht im vergangenen Sommer: Ein Zeppelin kommt nach Flensburg. Das war einer ganz besonderen Tatsache zu verdanken. Elionor Kaempfe und Roy von König, beide Urenkel des berühmten Luftschiff-Erfinders Ferdinand Graf von Zeppelin, leben in Flensburg. Beide haben einen guten Draht zur Zeppelin-Reederei und erfuhren, dass für den Zeppelin eine Tour nach Schleswig-Holstein gebucht war. „Dann doch bitte mit Abstecher nach Flensburg“, meinten beide übereinstimmend und spielten auf der Klaviatur ihrer Beziehungen. Mit Erfolg! Die beiden Zeppelin-Urenkel begannen, die Werbetrommel zu rühren.

Die Fantasie malte sich aus: Ein Flug über Flensburg und Umgebung, in niedriger Flughöhe und mit geringer Geschwindigkeit – eine Serie von Gelegenheiten, dieser Stadt auf die Dächer, in die Straßen und Gassen, in die Höfe und Gärten zu schauen. Welch eine schöne Vorstellung! So ein Zeppelin fährt im Gegensatz zum Heißluftballon auch gegen den Wind.

Das Gespräch mit den beiden Zeppelin-Urenkeln zur Ankündigung des Besuchs vom Bodensee bot die Gelegenheit, sofort zwei Plätze zu buchen. Gute 300 Euro pro Person – eine Menge Holz, aber das erhoffte Erlebnis stellte diese Ausgabe nicht in Frage.

Inzwischen zog der Zeppelin seine Spuren im Land. So ein Flug vom Süden Deutschlands nach Norden, mit der Begleitmannschaft und Technik am Boden, ist reichlich teuer. Ohne Sponsor geht es nicht. Der fand sich in Neumünster. Der Veranstalter der Baumesse „Nordbau“ hatte die Idee, die Messe mit dem Zeppelin zu dekorieren und Gäste zu Flügen einzuladen. So kam die „fliegende Zigarre“ nach Schleswig-Holstein. Da war die Tour nach Flensburg auch noch drin, zumal es bei der Buchung der Plätze nur so rappelte.

Und dann kam das Wochenende mit Zeppelin. Gebucht war ein Flug am Vormittag des Sonntags, 24. September. Die Vorfreude auf das Erlebnis war gewaltig. Nur – diese blöde, niedrig hängende Wolkendecke über der Stadt...

Also dann, auf nach Schäferhaus. Vor knapp hundert Jahren, im August 1912, zog schon einmal ein Luftschiff seine Bahn über der Stadt, mit Landung auf dem Flugplatz. Damals strömten die Massen und bereiteten zu Tausenden dem Zeppelin und seinem Kommandanten Hugo Eckener einen begeisterten Empfang. Nun tummelten sich ein paar Schaulustige am Zaun des Flugfelds, ganz gelassen. In der Zeit, in der die Jagd nach einem Billigticket spannender ist als das Flugerlebnis selbst, blieb das Publikum ganz cool.

Spannender war schon die Diskussion vor dem ersten Flug: Fliegt er oder fliegt er nicht? Denn die tief hängenden Wolken und Nebelschleier erlaubten nicht die vorgeschriebene Mindestflughöhe von 300 Metern. Ein leichter Wind über Schäferhaus weckte noch die Hoffnung, die Grauschleier würden weggeschoben. Die Passagiere des ersten Fluges durften an Bord gehen, die Plätze einnehmen – Luke zu und Abflug. Wenige Meter stieg das Luftschiff in die Höhe und ging gleich wieder zu Boden – nix Rundflug. Trotz der schlechten Sicht wollte die Mannschaft den Fluggästen wenigstens einen Eindruck vom Flug vermitteln wollen, hieß es zur Begründung.

Und nun? Der Wind schaufelte noch ein paar Wolken weg– der zweite Flug des Tages findet statt. Also hin zur Gangway, die in die Kabine führt.

Die Kabine? Der pure Luxus.: weich gepolsterte, breite Ledersessel , große Fenster für einen freien Blick nach draußen, freier Durchblick ins Cockpit. Die charmante Stewardess fordert zum Anschnallen auf. Und dann – Start frei. Da wackelt nichts, da ruckelt nichts, unmerkbar hebt sich das Ding in die Höhe. Nur der Blick nach draußen vermittelt, das sich die „Zigarre“ bewegt. In ein paar Schleifen schraubt sich der Zeppelin in die Höhe. Dann fällt der Vorhang: Die Untergrenze der Wolken ist erreicht. Unter ihr tastet sich der Pilot über das Stadtgebiet. Die einzigen Blicke, die der Dunst vor den Fenstern frei gibt, fallen auf den Citti-Park und die Westerallee. Flensburg von seiner schönsten Seite, hahaha!

Das Luftschiff zieht über Weiche, dann zum Campus, über Sünderup und Tarup, Mürwik auf die andere Seite der Förde. Über Duburg wird das ganze Elend der miesen Sicht deutlich: Die Türme von St. Marien und des Alten Gymnasiums sind im Vorbeiflug gut zu sehen– Jürgensby ist bis zur Unkenntlichkeit verschleiert. Dann wieder der Anflug auf Schäferhaus.

Jenseits der schlechten Aussicht – das Fluggefühl. Es ist einmalig. Es gibt keine Turbulenzen, keine ruckartigen Bewegungen. Dies ist luxuriöses Gleiten. Manchmal will es der Pilot zeigen, stellt die Nase des Luftschiffes steil nach unten oder oben. Dann sucht die Hand schon mal Halt am Vordersitz und im Magen wird es mulmig. Aber ohne jeden Zweifel, das Flugerlebnis hat sich gelohnt.

Zurück am Boden: Das Personal bittet ins Zelt. Dort wird mit einem Glas Sekt auf den Flug angestoßen. Eine vorbereitete Urkunde wird als Erinnerung überreicht.

Käme ein Zeppelin noch einmal nach Flenburg, würde wieder gebucht. Der Flug selbst war ein Erlebnis und lohnt eine Wiederholung – jedenfalls über Flensburg.

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