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Das Café Waldheim an der Süderstraße in Harrislee, war in den 1930er-Jahren Szenelokal und beliebter Treffpunkt für Gegner des NS-Regimes.
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Das Café Waldheim an der Süderstraße in Harrislee, war in den 1930er-Jahren Szenelokal und beliebter Treffpunkt für Gegner des NS-Regimes.

Das Café Waldheim von Amandus und Sophie Lützen war Treffpunkt für Sozialdemokraten, die die NS-Herrschaft bekämpften. 1942 musste es schließen.

shz.de von
23. Juli 2015, 16:00 Uhr

Harrislee | Wer vor dem unscheinbaren Haus Hainstraße 1 in Harrislee steht, kann sich nur schwer vorstellen, dass dort einst ein Szenelokal beheimatet war. Im Café Waldheim von Amandus und Sophie Lützen trafen sich an der deutsch-dänischen Grenze Menschen, die sich dem Regime der Nationalsozialisten widersetzten. Das waren Sozialdemokraten, aber auch Gewerkschafter. Und Sonntagsspaziergänger, die dort auf ihrem Ausflug durch die Marienhölzung vorbeikamen.

Alles fing 1929 an, als Amandus Lützen und seine Frau Sophie eine Konzession für die alkoholfreie Gaststätte erhielten. Dort gab es nicht nur Getränke, sondern die Lützens verkauften auch Süß-, Back- und Rauchwaren. Amandus Lützen, 1885 in Deezbüll geboren, arbeitete in Kiel auf einer Werft und gehörte seit seiner Jugend der SPD an. 1908 heiratete er die gleichaltrige Sophie Hansen, die ein Kindererholungsheim in der heutigen Landeshauptstadt leitete. Das Ehepaar zog 1928 nach Harrisleefeld, wo Amandus Lützen die Leitung der Arbeiter-Volkshochschule und den zweiten Vorsitz der SPD-Ortsgruppe übernahm, seine Frau leitete eine sozialdemokratische Frauengruppe.

Als die Nationalsozialisten immer mächtiger wurden, riet der damalige Bürgermeister von Harrisleefeld den beiden, mit ihrem Ortsverein in die NSDAP einzutreten. Auch nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 versuchte er, die Lützens dazu zu überreden. Doch die blieben hart – auch wenn der Umsatz ihrer Gaststätte unter verschiedenen Boykottaufrufen litt.

Als auch Amandus Lützen seine Tätigkeit bei der Arbeiter-Volkshochschule verlor, war das Ehepaar auf einen Zusatzverdienst angewiesen. Und den zu finden, war für NS-Gegner nicht leicht. Amandus Lützen warb Kunden unter seinen SPD-Genossen und verkaufte ihnen Brot. Er belieferte sie mit einem Dreirad-Lieferwagen. Daran erinnert sich auch Zeitzeuge Alfons Schlütter (99), der damals im Schwarzental in Harrislee wohnte. „Lützen hat Brot verteilt, weil es ihm schlecht ging“, erzählt er.

Die deutschlandweiten Schikanen der Nationalsozialisten machten auch in Flensburg nicht Halt. Beamte der Gestapo wurden zu regelmäßigen Besuchern des Café Waldheim, denen das Treiben in der Hainstraße 1 verdächtig vorkam. Auch Lützens Brotwagen wurde mehrmals nach illegalen Schriften durchsucht. Und das nicht ohne Grund: Schließlich wurde das Café nach 1933 für die Sozialdemokraten zu einem Ort, an dem sie sich ungestört unterhalten konnten. „Hier könnt ihr frei sprechen, hier sind keine Nazis“, hieß es immer. Auch Alfons Schlütter, der zu den damals illegalen Sozialdemokraten gehörte, war deshalb häufig im Café anzutreffen. 1937 hätten seine Eltern dort ihre Silberhochzeit gefeiert. „Drei Leute haben gefiedelt, der Rest hat getanzt“, erinnert er sich an die fröhliche Atmosphäre.

Das Café Waldheim war aber nicht nur ein Ort für geheime Zusammenkünfte, sondern es war zusätzlich Teil eines Netzwerks, das vom Grenz-Sekretariat in Kopenhagen gesteuert wurde. Dänische Umschlagpunkte des Netzwerks gab es in Padborg und Apenrade, an denen Personalien, Briefe und illegale Schriften geschmuggelt wurden. Über 100 Flüchtlinge sollen sich vom Café Waldheim aus auf den Weg ins skandinavische Exil gemacht haben, darunter auch der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete Otto Buchwitz. Unter den Sozialdemokraten in Norddeutschland war Lützens Adresse bekannt. Wilhelm Schmehl, ehemaliger SPD-Vorsitzender, brachte sie unter dem Decknamen Paul über die Grenze, wo sie sein dänischer Genosse, der Lokomotivführer Aage Lassen, empfing und ihre Weiterreise nach Kopenhagen organisierte. Dabei war Vorsicht geboten, denn unter den Flüchtlingen waren auch Spitzel der Gestapo.

Nicht nur Emigranten, sondern auch Druckschriften gingen von der Hainstraße aus über die Grenze nach Skandinavien und umgekehrt. Während Kuriere die Sozialdemokraten mit Schriften versorgten, lieferten diese über das Grenz-Sekretariat in Kopenhagen die neusten Informationen an die sozialistische Exilpresse. Vor allem der „Neue Vorwärts“ und die „Sozialistische Aktion“ kursierten in Deutschland. 1936 wurde die Weitergabe der illegalen Schriften eingestellt – aus Sicherheitsgründen.

Die „illegalen Geschäfte“ blieben den Nationalsozialisten nicht verborgen. Beamte des Flensburger Grenz-Kommissariats kontrollierten nicht selten Gäste des Cafés, stellten aber kein beweiskräftiges Material sicher. Deshalb setzten sie ab 1937 Verbindungspersonen, kurz V-Leute ein, die sich vor Ort umsahen. Diese waren meist ehemalige Parteifunktionäre der SPD, die sich der Gestapo zur Verfügung stellten. Die Berichte der V-Leute bestätigten den Verdacht gegen die Lützens und am 6. Januar 1938 nahm Emma Drewanz unter dem Decknamen Paula Drews mit ihnen Kontakt auf. Schon bald erfuhr sie, dass das Ehepaar am Emigranten- und Schriftenschmuggel beteiligt war. Doch auch die Lützens hatten „Informanten“ und wurden so vor einer Postkontrolle gewarnt.

Als Wilhelm Schmehl 1938 sowie Amandus und Sophie Lützen 1940 festgenommen wurden, war klar, dass die Gestapo das Treiben im Café Waldheim nicht länger akzeptierte. Mit der Besetzung Dänemarks folgte am 9. April 1940 die Festnahme Aage Lassens. Alle drei verließen das Gefängnis 1941. Lassen durfte sich danach nicht mehr in Südjütland aufhalten.

Amandus Lützen änderte seine anti-nationalsozialistische Haltung auch nach seiner Haftentlassung nicht – was das Ende seines Cafés bedeutete. Der Landrat des Kreises Flensburg entzog ihm am 31. Mai 1942 wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ die Schankerlaubnis, ein Jahr später mussten die Lützens auch ihren Gemischtwarenladen schließen. Amandus Lützen starb am 20. Oktober 1945 an den Folgen eines Herzleidens, das er sich während seiner Haft zugezogen hatte. Seine Frau Sophie gab sechs Jahre später den Laden in den Hainstraße, der nach Kriegsende wiedereröffnet wurde, aus gesundheitlichen Gründen auf. Sie starb am 4. Juli 1959 in Wyk auf Föhr.

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