JVA Flensburg : Im Knast brummt die Konjunktur

'Wir leben hier ein vernünftiges Miteinander': Roland Paisen an seinem Arbeitsplatz in der JVA. Foto: Staudt
"Wir leben hier ein vernünftiges Miteinander": Roland Paisen an seinem Arbeitsplatz in der JVA. Foto: Staudt

Arbeitsplatzgarantie hinter Gittern: Sortieren, verpacken, reparieren - Flensburgs Justizvollzugsanstalt arbeitet für die Flensburger Wirtschaft

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16. Juli 2012, 11:10 Uhr

Flensburg | In der Sommerserie "24 Stunden Flensburg" begeben wir uns an die unterschiedlichsten Orte der Stadt - jeweils für eine Stunde. Heute Teil 14: Eine Stunde Knast.
An diesem Ort ist alles sehr massiv. Die Mauern aus dem Jahr 1882, die grauen Stahltüren und die Stäbe vor den Fenstern sowieso. Flensburgs Justizvollzugsanstalt ist einmal eine geschlossene Welt. Gebaut, um niemanden herauszulassen- es sei denn, man hat einen Entlassungsschein oder man gehört zum Personal.
Streng genommen hat Roland Paisen schon fast zwei Mal lebenslänglich abgesessen. Der Vollzugsbeamte ist seit 27 Jahren dabei, er kennt das Flensburger Gefängnis in und auswendig, und er kennt seine Leute. Zur Werkstatt, die er gemeinsam mit seinem Kollegen Rolf Emler betreut, führt der Weg hinein und hinaus nur durch einen Metall-Detektor. Denn im Werkstattbereich gibt es alles, was der findige Häftling braucht, um sich einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Und weil fast alle Strafgefangenen der JVA in der Werkstatt arbeiten, macht die Arbeit des "Meteor 250" durchaus Sinn.
Gleiches gilt uneingeschränkt für die Arbeit der Strafgefangenen, davon ist Paisen fest überzeugt. "Es ist ja längst nicht so, dass Häftlinge ihre Haftstrafe in ihrer Zelle absitzen und tatenlos herumgammeln", sagt er. Arbeit ist Pflicht, und das Angebot wird gerne angenommen. "Die meisten wollen das. Der Tag geht schneller herum und man ist in Gemeinschaft."
Vor allem aber sichern sich die Strafgefangenen eine Grundlage für die Zeit nach der Haft. Denn die Arbeit hier wird bezahlt. Zehn Euro am Tag können sich - je nach Haftdauer - zu einem hübschen Sümmchen addieren. Paisen: "Manch einer geht hier mit drei-, viertausend Euro raus. So viel Geld haben die wenigsten in Freiheit mit ehrlicher Arbeit verdient." Leider ist seine Beobachtung aber auch die, dass die wenigsten mit dem Geld nach ihrer Entlassung zurecht kommen. "Eigentlich bräuchten die Leute draußen mehr Unterstützung." So aber kehren einige schon bald wieder zurück. Immer wieder. "Ich kenne hier manch einen, der vom Jugend- bis ins Erwachsenenalter immer wieder kam. Und wenn dann eines Tages auch die Kinder kommen, dann hast du schon zu schlucken", sagt Paisen.
Am Südergraben herrscht Hochkonjunktur. Die Häftlinge bewegen hier Monat für Monat Millionen Stückzahlen für die Wirtschaftswelt da draußen. Hauptsächlich Konfektionierungs- und Fertigungsarbeiten. Es wird Modeschmuck verpackt. Oder das Handmassagegerät "Feelgood", die Kurbeltaschenlampe 2012, die "Schlafbrille Schwarz". Es gibt leichte technische Arbeiten wie die Erneuerung 500 000 verschlissener Bügelverschlüsse für Flensburger Pilsener, die Fertigung von einer Million Hosenbändern für die Bundeswehr und vieles mehr. "Wir haben sehr gute Kontakte mit der regionalen Wirtschaft. Wir könnten glatt noch viel mehr machen. Aber dazu haben wir nicht genügend Gefangene."
Das ist eine Besonderheit der nördlichsten Haftanstalt des Landes, die für die Entscheidung den Standort Flensburg nicht zu schließen, mit ausschlaggebend gewesen sein dürfte. Vollbeschäftigung können die anderen Gefängnisse nicht bieten. Den Häftlingen hilft das sehr. Und den Angehörigen, die aus dem Gefängnis heraus unterstützt werden. "Es ist doch meistens so, dass Angehörige gleich mit verurteilt werden. Da zählt draußen auch jeder Cent." Spezialisten können es auf bis zu 600 Euro bringen. Das ist besonders für die Ausländer im Knast eine Menge Geld, das nach der Entlassung für eine zusätzliche Absicherung sorgt. Die JVA führt Beiträge zur Arbeitslosenversicherung ab. Wer wieder draußen ist kann zunächst mit Arbeitslosengeld rechnen, für Paisen eine ganz wichtige Sache. "Da fällt niemand gleich ins große schwarze Loch."
Für den Vollzugsbeamten ist mit der 2003 entstandenen Werkstatt ein sehr nützliches Resozialisierungsinstrument geschaffen worden, dass vor den Gefängnistoren kaum bekannt ist. "Uns als reine Wegschließer zu bezeichnen, ist völlig verkehrt."
Ihre Gefangenen aus fünf Nationen behandeln Roland Paisen und Rolf Emler alle gleich. "Wir arbeiten mit Mördern und mit Eierdieben in einem vernünftigen Miteinander", sagt der Justizamtsinspektor. "Und das funktioniert sehr gut. Ich muss jedenfalls keine Angst haben, dass einer von hinten mit dem Schraubenzieher kommt."

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